Glaube im Alltag

Vor dem Essen beten?

Sollten Christen vor dem Essen beten? Ist das nur eine gute Gewohnheit, ein schöner christlicher Brauch, oder kann man das vom Neuen Testament her begründen? Die Antwort fällt eindeutig aus.

Für viele Leser dieser Zeitschrift mag das Beten vor dem Essen selbstverständlich sein. Dennoch ist es sicher nützlich, wenn wir einmal ein bisschen näher hinschauen, was das Neue Testament uns Christen zu diesem Thema zu sagen hat. Wir werden dabei kein Gebot finden, dass Christen vor dem Essen beten sollen. Aber viele Bibelstellen machen klar, dass das Beten vor einer Mahlzeit das ist, was Gott von seinen Kindern erwartet.

 

Evangelien

Wenn wir die Evangelien lesen, erkennen wir, dass unser vollkommenes Vorbild, der Herr Jesus Christus, mehrfach vor dem Essen gedankt hat. Insgesamt wird fünfzehnmal erwähnt, dass der Sohn Gottes bei verschiedenen Gelegenheiten für Speisen und Getränke gedankt bzw. sie gesegnet hat:

  • Bei der Speisung der Viertausend dankte der Herr für die Brote und, wie Markus berichtet, auch gesondert für die Fische. Siehe Matthäus 15,36 (einmal wird Gebet erwähnt); Markus 8,6.7 (2-mal wird Gebet erwähnt).
  • Bei der Speisung der Fünftausend dankte der Herr für die Brote und Fische. Siehe Matthäus 14,19 (1-mal); Markus 6,41 (1-mal); Lukas 9,16 (1-mal); Johannes 6,11.23 (2-mal).
  • Bei der Einsetzung des Gedächtnismahls dankte der Herr für das Brot und auch für den Kelch. Siehe Matthäus 26,26.27 (2-mal); Markus 14,22.23 (2-mal); Lukas 22,17.19 (2-mal).
  • Bei den „Emmaus-Jüngern“ dankte der Herr für das Brot, bevor Er es brach und es den Jüngern reichte. Siehe Lukas 24,30 (1-mal).

Von niemand anders in der Bibel werden mehr Dankgebete für Essen und Trinken berichtet als vom Sohn Gottes selbst. Das sollte uns Ansporn genug sein, auch in dieser Hinsicht in seine Fußstapfen zu treten.

Wir wissen aus den Evangelien zwar, dass der Herr oft fürs Essen betete, aber wir wissen nicht, was für Worte Er dabei benutzte. Der Grund liegt auf der Hand: Seine Worte wären ansonsten sicherlich als ein Ritual betrachtet und millionenfach gedankenlos vor den Mahlzeiten gesprochen worden. So ein Ritual möchte Gott bei seinen Kindern nicht. Er will, dass wir die Gaben bewusst aus seiner Hand annehmen und Ihm von Herzen dafür danken. Ein Gebet, das aus dem Herzen kommt, wird frisch sein und wird sich nicht in immer denselben Formulierungen erschöpfen.

Es ist übrigens manches Mal gesagt worden, dass wir keine Begebenheit in der Bibel finden, wo man den Herrn Jesus beim (Verteilen von) Essen findet, ohne dass vorher ein Gebet von Ihm berichtet wird. Doch das ist so nicht ganz korrekt.[1]

In Johannes 21,9-14 lesen wir, dass der Herr Jesus Brot und Fisch an seine Jünger austeilte. Aber von einem Gebet hören wir nichts. Das bedeutet natürlich nicht, dass der Herr hier nicht gebetet hat. Doch es wird eben nicht erwähnt. Der Grund dafür mag darin liegen, dass der Schreiber Johannes hier den Segen des Tausendjährigen Reiches vorschattet – und in dieser Szene soll die Niedrigkeit und Abhängigkeit des Herrn Jesus nicht herausgestellt werden.

Interessant ist auch Lukas 24,36-43. Dort bat der auferstandene Herr um etwas Essen, weil Er seinen Jüngern beweisen wollte, dass Er kein Geist ist, sondern in einem Körper vor ihnen stand. Sie reichten Ihm ein Stück gebratenen Fisch und einen Teil von einer Honigscheibe. Der Herr nahm es an und aß vor seinen erstaunten Jüngern. Ein Dankgebet wird nicht berichtet. Liegt der Grund dafür vielleicht auch darin, dass es sich nicht um eine regelrechte Mahlzeit handelte? Wobei klar ist: Auch dann, wenn wir mehr im Vorübergehen etwas zu uns nehmen (vgl. Lk 6,1), sollten wir uns stets ein dankbares Herz Gott gegenüber bewahren, weil von Ihm alles kommt (1. Chr 29,14). 

 

Apostelgeschichte und Briefe

In der Apostelgeschichte und in den Briefen gibt uns ein treuer und bekannter Nachfolger des Herrn Jesus, der Apostel Paulus, weitere Hinweise zu dem Thema.

Wir finden zunächst, dass der Apostel Paulus während einer Schifffahrt laut vor anderen betete: „Als er aber dies gesagt und Brot genommen hatte, dankte er Gott vor allen, und als er es gebrochen hatte, begann er zu essen“ (Apg 27,35).

Im Römerbrief kommt Paulus ausführlicher auf die Frage der Speisen zu sprechen. Er schreibt in Römer 14,6: „Wer isst, isst dem Herrn, denn er danksagt Gott; und wer nicht isst, isst dem Herrn nicht und danksagt Gott.“ Einige Christen in Rom nahmen grundsätzlich alle Arten von Speise zu sich; andere hingegen verzichteten auf bestimmtes Essen, weil sie meinten, sie müssten noch die alttestamentlichen Speisevorschriften beachten (vgl. Röm 14,2). Aber egal, was man isst, ob Fleisch oder Gemüse – man „danksagt Gott“! Das ist selbstverständlich.

In 1. Korinther 10,30.31 schreibt Paulus: „Wenn ich mit Danksagung teilhabe, warum werde ich gelästert für das, wofür ich danksage? Ob ihr nun esst oder trinkt oder irgendetwas tut, tut alles zur Ehre Gottes.“ Paulus achtete beim Essen darauf, dass er nicht etwas zu sich nahm, was jemand zum Lästern veranlassen könnte, indem er beispielsweise Fleisch aß, das ursprünglich zu einem Götzenopfer gehörte. Er wollte nicht, dass über etwas gelästert wurde, wofür er Gott gedankt hatte. Wir sehen auch hier wieder: Der Dank für das Essen ist obligatorisch. Er gehört dazu, wenn wir zur Ehre Gottes essen möchten.

In 1. Timotheus 4,1-5 lesen wir: „Der Geist aber sagt ausdrücklich, dass in späteren Zeiten einige von dem Glauben abfallen werden, indem sie … gebieten, sich von Speisen zu enthalten, die Gott geschaffen hat zur Annahme mit Danksagung für die, die glauben und die Wahrheit erkennen. Denn jedes Geschöpf Gottes ist gut und nichts verwerflich, wenn es mit Danksagung genommen wird; denn es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch Gebet.“

Eine bemerkenswerte Stelle für unser Thema! Dreimal spricht Paulus vom Danksagen bzw. Beten, wenn es ums Essen geht:

  • Gott hat die Speisen „geschaffen zur Annahme mit Danksagung“.
  • Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, „wenn es mit Danksagung genommen wird“.
  • Das Geschöpf Gottes, das zur Nahrung dient, wird „geheiligt durch Gottes Wort und Gebet“. Es wird objektiv geheiligt durch das Wort Gottes; das heißt: Die Bibel macht klar, dass wir jede Speise[2] zu uns nehmen dürfen und uns dadurch nicht verunreinigen. Das Essen wird subjektiv durch das Gebet geheiligt. Das heißt: Wenn wir für das Essen danken, dann bringen wir das Essen mit Gott in Verbindung und machen es zu einer Sache, woran Er Wohlgefallen finden kann. Das sollten wir nicht vergessen!

 

Fazit 

Die angegebenen Bibelstellen zeigen deutlich, dass wir vor dem Essen zu danken haben. Wir sollten es zu Hause tun und in der Öffentlichkeit. Wenn mehrere an einer Mahlzeit teilnehmen und es die Situation erlaubt, kann auch in der Öffentlichkeit laut gebetet werden. Das hat der Herr Jesus und auch der Apostel Paulus getan. So sind wir ein deutliches Zeugnis für diese undankbare Welt, die die Gaben Gottes tausendfach zu sich nimmt, ohne auch nur ein einziges Mal den Geber zu ehren. Es mag sein, dass wir dann mitleidige Blicke ernten. Oft aber sind solche Gebete der Anlass, dass man mit jemand über den Glauben sprechen kann oder dass Christen sich einander als Kinder Gottes erkennen. – Schenke es Gott, dass wir Ihn auch durch unsere Tischgebete (mehr) ehren!

 



[1] Das beweist wieder einmal, wie vorsichtig wir mit der Aussage umgehen müssen, dass etwas nicht in der Bibel steht. Denn um das sagen zu können, müssen wir die ganze Bibel kennen. Um dagegen zu behaupten, dass etwas in der Bibel steht, müssen wir nur eine einzige Stelle vor Augen haben. Das sollte uns stets zurückhaltend mit der Behauptung machen: Das und das sagt die Schrift nicht.
[2] Die Ausnahmen „Götzenopfer“, „Blut“ und „Ersticktes“ (Apg 15,29) werden nicht an allen Stellen der Schrift erwähnt – aber diese Ausnahmen gibt es.