Lebensbeschreibung

Martin Luther (9)

Die Reformation – ein europäisches Ereignis

In Deutschland richtet man verständlicherweise den Blick besonders auf Martin Luther, den deutschen Reformator. Die Auswirkungen der Reformation machten jedoch nicht an den Landesgrenzen Halt. Auch in anderen europäischen Ländern wirkte Gott durch Männer, die die Gedanken der Reformation vertraten. Einige davon werden dir in diesem Artikel begegnen.

Ulrich (Huldrych) Zwingli

Zwingli wurde am 1. Januar 1484 in Wildhaus im Toggenburg (heute Kanton St. Gallen) als Sohn einer wohlhabenden Bauernfamilie geboren. Er erhielt eine gute Ausbildung, und im Jahr 1506 wurde er zum Priester geweiht. Er trat seine erste Stelle in Glarus an. Zwingli ging bald neue Wege in seinem Denken. So stellte er die Predigt in den Mittelpunkt seiner Gottesdienste und sah auch zunehmend kritisch auf die Kirche seiner Zeit.

Im Jahr 1518 wurde man in Zürich auf ihn aufmerksam und er wurde an das Großmünsterstift berufen. Er begann 1519 seinen Dienst als Pfarrer am Großmünster mit einem Paukenschlag: Er verkündete, dass er zukünftig nicht nach der kirchlich vorgeschriebenen Ordnung, sondern fortlaufend durch ein Evangelium predigen werde. Es lag ihm daran, den Glauben der Zuhörer in einer zusammenhängenden Kenntnis der Heiligen Schrift zu verankern.

In den folgenden zwölf Jahren arbeitete er unermüdlich an seinem „Projekt“.

  • Er überlebte die Pest.
  • Er gründete eine Familie (Seit Anfang 1522 war Zwingli mit Anna Reinhart in heimlicher Ehe verbunden, da er noch auf die Aufhebung des Zölibats für Priester hoffte. 1524 schlossen beide öffentlich die Ehe. Sie hatten vier Kinder, drei davon erreichten das Erwachsenenalter.).
  • Er übersetzte die Bibel (die in den reformierten Kirchen der Schweiz gebräuchliche Zürcher Bibelübersetzung geht in ihrem Ursprung auf die Reformation Zwinglis in Zürich zurück).
  • Er sorgte für die Aufhebung der Fastengebote und setzte die Auflösung der Klöster durch.
  • Er ließ die Bilder aus den Kirchen entfernen (ohne dass es dabei-wie andernorts- zu Ausschreitungen kam).

1525 war die Reformation in Zürich und dem Umland durchgesetzt. Eine Rückkehr zu der alten katholischen Ordnung schien unvorstellbar. Allerdings saß Zwingli in jenen Jahren gewissermaßen zwischen allen Stühlen. Auf der einen Seite wurde ihm von der radikalen Täuferbewegung vorgeworfen, mit seiner Abwendung von der katholischen Lehre nicht weit genug gegangen zu sein. Auf der anderen Seite stand seine Auseinandersetzung mit Martin Luther im Abendmahlsverständnis.[1] Dazu kam die Bedrohung durch die Teile der Eidgenossenschaft, die sich der Reformation nicht anschlossen. Ein Bürgerkrieg konnte 1529  durch eine Verhandlungslösung noch einmal abgewendet werden. Aber im Oktober 1531 kam es zur Katastrophe. In der Schlacht in Kappel am Albis fielen 500 Zürcher, darunter 25 Geistliche. Auch Zwingli fiel in dieser Schlacht. Der Besonnenheit des Zürcher Rats und der Hartnäckigkeit der Weggefährten Zwinglis ist es wohl zu verdanken, dass sein Werk fortgeführt wurde.

Einen Eindruck von seiner Person gibt das folgende Zitat seines Mitarbeiters und Nachfolgers Heinrich Bullinger: „Er redete ländlich und war kein Freund von frommem Geplapper, kanzleideutscher Verwirrung oder Pracht unnützer Worte.“

 

Johannes Calvin

Am 10. Juli 1509 wurde Johannes Calvin (Jean Cauvin[2]) als zweites Kind von Gerard Cauvin und Jeanne Lefranc in Noyon (Frankreich) geboren.

Mit 14 Jahren schickte ihn der Vater zum Studium nach Paris, später nach Orleans und Bourges. Der Vater ordnete an, er solle Rechtswissenschaft studieren. Diese Studienrichtung verhieß eine glänzende Karriere. Der Sohn zog das Studium mit eiserner Disziplin durch. 1533 erwarb Calvin den Doktor der Rechte. Unklar sind der genaue Zeitpunkt und Hergang der Hinwendung Calvins zur Theologie und zur Reformation. Calvin selbst nennt diesen Schritt seine Bekehrung. Er verdammte sein bisheriges Leben „mit Seufzen und Tränen“. Erverurteilte seine bisherige wissenschaftliche Laufbahn als „Misthaufen von Irrtümern“. Mit demselben Eifer und derselben Hingabe, mit denen er die Rechtswissenschaften studiert hatte, studierte er jetzt „die wahre Frömmigkeit“. Er verkehrte in protestantischen Untergrundkreisen in Paris. Bald zeigte er offen seine reformatorischen Auffassungen und musste daraufhin fliehen. Unter einem Decknamen (Charles d’Espeville) floh er über Straßburg nach Basel. Dort fasste er schließlich seine Erkenntnisse in einem seiner Hauptwerke zusammen: Institutio Christianae Religionis (Unterricht in der christlichen Religion). In zentralen Punkten war er sich mit anderen Reformatoren einig, in anderen ging Calvin jedoch über seine Zeitgenossen deutlich hinaus. Dies gilt besonders für seine Prädestinationslehre, den Glauben an eine doppelte Auserwählung. Gott habe die Menschen in doppelter Hinsicht erwählt: die einen zum Heil, die anderen zum Verderben. Diese Lehre ist einer der Zentralpunkte in Calvins Theologie, gleichzeitig aber auch einer der problematischsten, da Calvin hier über die Heilige Schrift hinausgeht.

1536 bat der Genfer Rat Calvin, in der Stadt zu bleiben und dort die Kirche aufzubauen. Nach zwei Jahren kam es jedoch zum Zerwürfnis und Calvin ging nach Straßburg. Dort wurde er Pastor für die protestantischen Flüchtlinge und heiratete Idelette de Bure. 1541 wandte sich die Stadt Genf noch einmal an ihn und er willigte ein, nach Genf umzuziehen. Mit seinen Mitkämpfern Theodore de Beze[3] und Guillaume (Wilhelm) Farel[4] versuchte er eine kirchliche Gemeinschaft aufzubauen. Die Reformation in Genf ruhte auf zwei Pfeilern: der Verkündigung von Gottes Wort und dem Kampf gegen den Sittenverfall. Dies führte zu einer engen Zusammenarbeit von Geistlichkeit und weltlicher Obrigkeit. Es entstand eine Art Theokratie. Genf sollte eine Gottesstadt werden. Hierbei konnte Calvin durchaus zu sehr rigorosen Maßnahmen greifen. Manche seiner Handlungen gegen Abweichler und Andersdenkende sind aus heutiger Sicht kaum zu rechtfertigen. Im Gegensatz dazu stand die Armenfürsorge, ein weiteres Kennzeichen der Genfer Reformation. Sein immenses Arbeitsprogramm könnte zu der Auffassung verleiten, dass Calvin ein recht belastbarer Mann war. Doch das Gegenteil ist der Fall: Calvin war körperlich schwach. Er litt an Schlaflosigkeit, häufig plagten ihn heftige Migräneanfälle und Schmerzen . Auch hier bewahrheitete sich der Satz „Meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“ (2. Kor 12,9).

Auch im Alter arbeitete Calvin unermüdlich weiter, „um nicht durch Müßiggang zu verrosten“. Eine schwere Atemwegserkrankung (vermutlich Tuberkulose) verzehrte die letzten Kräfte des 54-jährigen. Calvin starb 1564 als angesehener, wenn auch teils umstrittener Theologe.

Calvin schätzte Martin Luther, mit dem ihn inhaltlich viel verband. In der Abendmahlsfrage jedoch befand sich Calvin auf Zwinglis Seite. Luther und Calvin sind sich persönlich allerdings nie begegnet.

 

John Knox

Der schottische Reformator John Knox ist ein Beispiel für die internationale Verflechtung der Reformation. Auf der Reformationsmauer in Genf ist auch seine Person dargestellt, da Knox auch eine Zeit in Genf lebte. 1530 wurde Knox zum katholischen Priester geweiht. Nachdem er George Wishart[5] kennengelernt hatte, begann er sich mit Eifer für die Reformation in Schottland einzusetzen. Knox stand auch an der Spitze eines Volksaufstands gegen Kardinal Beaton, der Wishart hatte hinrichten lassen und die Anhänger der Reformation verfolgte. Dieser Aufstand wurde mithilfe französischer Truppen niedergeschlagen und Knox landete für zwei Jahre als Gefangener auf Galeeren. Nachdem Tod König Eduards VI. folgte ihm seine katholische Schwester Mary auf den Thron. Daraufhin ging Knox 1554 nach Genf. Dort begegnete er Calvin, der ihn stark beeinflusste. Eine Zeitlang war er Prediger in Frankfurt. Doch er kehrte bald wieder nach Genf zurück, wo er Pfarrer für die englische Flüchtlingsgemeinde wurde. In dieser Zeit arbeitete er zusammen mit anderen an einer englischen Bibelübersetzung, die als Genfer Bibel bekannt wurde. Die Anmerkungen waren so sehr puritanisch geprägt, dass König James später eine neue Übersetzung in Auftrag gab – die bekannte King James Version.

1559 kehrte Knox nach Schottland zurück und wurde bald zum Wortführer der schottischen Reformation. Während die schottische Königin ihn ächtete, nahm die Bevölkerung die Ideen des Reformators begeistert auf. So breitete sich die Reformation in Schottland aus.

 

 

 

INFOBOX (1)

Der Abendmahlsstreit

In der Frage des Abendmahls kam es zwischen den beiden Reformatoren Luther und Zwingli zu unüberbrückbaren Gegensätzen. Gemeinsam war beiden die Ablehnung der katholischen Lehre der Transsubstantiation, nach der Wein und Brot sich während der Abendmahlsfeier tatsächlich und dauerhaft in Blut und Fleisch Jesu verwandeln. Luther vertrat die Auffassung, in der Einsetzung des Abendmahls komme es zur praedicatio identica, zu „Leibsbrot“ und „Blutswein“. „In, mit und unter“ Brot und Wein werde der wahre Leib und das wahre Blut Christi ausgeteilt und mit dem Mund empfangen (Realpräsenz; Konsubstantiation), während der Zürcher Reformator im Brot und Wein bloße Zeichen sah, die daran erinnerten, dass Christus seinen Leib und sein Blut hingegeben hatte. Während der Abendmahlsfeier sei Christus im Glauben, keineswegs jedoch in den Elementen präsent. Ulrich Zwingli sah im Abendmahl und seinen Elementen allein eine symbolhafte Kraft, die lediglich die Erinnerung an den Auferstandenen wecken sollte. Nach längeren schriftlichen Auseinandersetzungen kam es 1529 zu einer persönlichen Begegnung der beiden Reformatoren auf Einladung des Landgrafen Philipp von Hessen in Marburg. Dies ist die einzige Gelegenheit, wo Luther und Zwingli einander persönlich begegnet sind. An dem Gespräch nahmen auf Luthers Seite auch Philipp Melanchthon und auf Zwinglis Seite der Reformator Oekolampad aus Basel teil. Das Gespräch blieb jedoch in der entsprechenden Frage ohne Ergebnis. Luther verfasste 15 Glaubensartikel, welche den gemeinsamen evangelischen Glauben dokumentierten. Nachdem der Text an wenigen Stellen geringfügig geändert worden war, unterzeichneten beide Seiten die „Marburger Artikel“. Die ersten 14 Artikel enthalten gemeinsame Auffassungen, während im letzten Artikel, dem Abendmahlsartikel, die Abweichung bekannt wird. „Zwar konnten wir uns darüber, ob der wahre Leib und das wahre Blut Christi in Brot und Wein gegenwärtig sind, zu dieser Zeit nicht einigen. Aber dennoch soll jede Partei gegenüber der anderen, soweit es immer das Gewissen zulässt, christliche Liebe erzeigen. Beide Parteien sollen Gott den Allmächtigen unablässig bitten, dass er uns durch seinen Geist die rechte Einsicht geben möge. Amen.“

Es ist offenkundig, dass Zwingli in dieser Frage der biblischen Wahrheit näher kommt als Luther. Hier wird aber auch ein grundsätzlicher Unterschied im Handeln der beiden Reformatoren deutlich. In vielen Punkten zögerte Luther, die bestehenden Traditionen sofort zu ändern, behielt sie vielmehr bei und versuchte dies teils auch zu rechtfertigen; Zwingli hingegen drängte meistens darauf, sobald wie möglich die bestehenden Verhältnisse zu ändern und durch eine biblische Lehre und Praxis zu ersetzen.

 

INFOBOX (2)

Calvins Grab

Calvins Grab ist unbekannt. Er hatte verfügt, keinen Grabstein aufzustellen. Ihm ging es um die Ehre Gottes (Soli Deo Gloria). Die Verehrung seiner eigenen Person wollte er verhindern. Das macht den Reformator sympathisch, aber auch er konnte – wie andere vor ihm und nach ihm – nicht verhindern, dass man ihm Denkmäler baute und ihn zum Führer von Gruppierungen unter Christen machte.

 



[1] Siehe Infobox (1)
[2] Es war in jener Zeit üblich, die Namen in eine lateinische Fassung zu ändern.
[3] Ein Genfer Reformator französischer Herkunft
[4] Eine Biographie Farels (E. Dönges, Wilhelm Farel, ein Reformator der französischen Schweiz, EPV) kann beim Herausgeber dieser Zeitschrift bezogen werden.
[5] George Wishart war ein schottischer Reformator und Märtyrer.




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