Bibelstudium

Einleitende Bemerkungen zum Propheten Obadja (6): Warum wird Edom gerichtet?

In der letzten Folge haben wir gesehen, wer durch Obadja spricht und vor allem, was der Prophet über die Leiden unseres Retters zu sagen hat. Nun sehen wir uns an, (1) von welchen Nationen und Völkern der Prophet hier spricht , (2) was die Gründe für das Gericht über Edom sind und (3) was eigentlich mit „Teman“ gemeint ist. Zu den neutestamentlichen „Schlüsseln“, die Thema im ersten Artikel waren, kehren wir das nächste Mal zurück.

 

5. Von welchen Völkern und Nationen handelt der Prophet?1

Im ersten Vers lesen wir, dass ein Bote unter die Nationen gesandt wurde. Er hatte den Auftrag weiterzugeben: „Macht euch auf uns lasst uns gegen es aufstehen zum Kampf!“ Hier stellen sich zwei Fragen:

  1. Wer sind diese Nationen?
  2. Wer ist „es“, das Volk also, gegen das gekämpft werden soll?

Die Antwort auf die zweite Frage ist klar: Gott spricht über Edom. Das heißt, dieses Gericht wird über die Kinder Esaus kommen. Das haben wir schon in einer der vorherigen Folgen behandelt.

Wer aber sind diese Nationen? Im Lukasevangelium lesen wir, dass der Herr Jesus in seiner Endzeitrede sagte: „Und er sprach ein Gleichnis zu ihnen: Seht den Feigenbaum und alle Bäume; wenn sie schon ausschlagen, so erkennt ihr von selbst, wenn ihr es seht, dass der Sommer schon nahe ist“ (Lk 21,29.30). Er meint hier die künftige Erweckung Israels, das durch den Feigenbaum vorgestellt wird. Aber es ist in diesem Fall nicht der Feigenbaum allein, sondern zudem „alle Bäume“, die ausschlagen. Mit anderen Worten: Wenn das Volk der Juden in Israel geistlich wiedererweckt und Gott in seinem Volk einen Überrest von Gläubigen bilden wird, passiert auch etwas mit allen Bäumen: Damit bezieht sich der Herr auf die umliegenden Nationen.

Viele dieser Völker (nicht einfach Länder, denn es geht im Alten Testament und in diesen Weissagungen um Volksgruppen) sind seit vielen Jahrhunderten verschwunden, das heißt, wir können sie nicht als „Nationen“ zuordnen. Aber sie werden wiedererstehen. Es handelt sich um Ethnien im Nahen Osten, vor allem: Assyrien, Syrien, Ägypten, Philistäa (besonders die Palästinenser im Gazastreifen), Ammon, Moab und Edom (vgl. Hes 31; Jer 12,14.15; 46-49). Auch das frühere Römische Reich wird wieder neu erstehen (Off 17). Asaph spricht ebenfalls von dieser Zeit und den entsprechenden Völkern (Ps 83,4-9).

Zurück zur ersten Frage: Tatsächlich wird Gott eine große Schlacht gegen Edom bewirken. Darauf weist Jesaja hin (Jes 34; 63,1-6). „Denn trunken ist im Himmel mein Schwert; siehe, auf Edom fährt es herab und auf das Volk meines Bannes zum Gericht. Das Schwert des Herrn ist voll Blut, es ist gesättigt von Fett, vom Blut der Lämmer und Böcke, vom Nierenfett der Widder; denn der Herr hat ein Schlachtopfer in Bozra und eine große Schlachtung im Land Edom“ (Jes 34,5.6).

Wir haben bereits gesehen, dass es für Edom keine Hoffnung bzw. gute Zukunft gibt. Zweimal spricht Obadja von einer vollständigen Ausrottung (V. 10.18): „auf ewig“; „keinen Übriggebliebenen“. So schlimm sieht Gott den Hass der Nachkommen Esaus gegen seine eigene Familie an, das Volk Israel.

 

6. Was sind die Gründe für das Gericht über Edom?

Gott gibt im Propheten Obadja Gründe für sein Gericht über Edom an. Sie werden nicht alle an einer Stelle genannt. So ist es nötig, dieses kurze Kapitel sorgfältig zu lesen, um die einzelnen Ursachen zu erkennen. Vier nenne ich:

a) Hochmut (V. 3).

 

Edom fühlte sich anderen Nationen weit überlegen. Es meinte, niemand könne ihm etwas antun. Aber es übersah Gott, der über allem steht. Er sah, beurteilte und verurteilte die Herzenshaltung dieses Volkes.

Immer wieder lesen wir in der Bibel, dass Gott dem Hochmütigen widersteht (Spr 3,34; Jak 4,6; 1. Pet 5,5). Hochmut war der Fallstrick des Teufels, der ursprünglich womöglich der höchste Engel Gottes war und so zum Satan (Widersacher) wurde (1. Tim 3,7).

Leider existiert Hochmut auch in unseren Herzen, da wir das sündige Fleisch noch an uns tragen. Daher ist Selbstgericht so nötig. So, wie Edom verwandtschaftlich mit dem Volk Israel verknüpft war und doch sein besonderer, vielleicht sogar größter Feind wurde, ist unser Fleisch mit uns verbunden. Deshalb ist es so gefährlich, auf Selbstgericht zu verzichten.

Ich las vor Jahren von einem Landwirt, der viele Felder besaß. Eines Tages wurde er sich bewusst, wie hochmütig er lebte. So suchte er eine weit entfernte Ecke seiner Ackerflächen auf, wo niemand hinkam. Aufrichtig legte er sich dort einen Tag lang in den Staub, um sich zu demütigen. Auf dem Heimweg kam ihm dann der Gedanke: Es wird wohl keinen geben, der sich so sehr erniedrigt und gedemütigt hat wie ich... So können wir uns sogar unserer Demut rühmen! So wird bewusste Demut zum Hochmut.

 

b) heimliche Geldliebe (V. 6)

Edom hatte Schätze gesammelt und verborgen. Das heimliche Verstecken von Materiellem hat oft den Zweck, vor Gottes „Augen“ oder vor Menschen etwas zu verbergen, was einem selbst eigentlich nicht gehört. Wo kamen die Wertsachen der Kinder Esaus her? Wahrscheinlich hatten sie diese anderen Personen und Nationen unrechtmäßig weggenommen. Oft ist sogar die Tat, die zum Besitz der Wertgegenstände führt,  als solche böse.

Auch beim Volk Gottes kann es solche Heimlichtuerei geben. Achan nahm sich, was ihm nicht zustand, weil der Herr es ausdrücklich untersagt hatte (Jos 7,11). Verführer wollen uns dabei weismachen: „Gestohlene Wasser sind süß, und heimliches Brot ist lieblich“ (Spr 9,17). Und wie sieht es mit der Geldliebe bei uns aus? Sie ist eine Wurzel alles Bösen (1. Tim 6,10). Sei wachsam bei dieser großen Gefahr, die auch in deinem Herzen lauert!

 

c) Gewalttat (V. 10)

Schon von der Flut nennt Gott in seinem Wort die beiden „Grundformen“ aller Sünden, die sich später auch, wie hier von Obadja genannt, bei Edom wiederfinden: „Und die Erde war verdorben vor Gott, und die Erde war voll Gewalttat“ (1. Mo 6,11). Hochmut gehört zur Verdorbenheit, Gewalttat ist die Brutalität des Menschen, die in Kain ihren Anfang nahm. Die Nachkommen Esaus waren rachsüchtig, unbarmherzig und gewalttätig, wie ihre Morde und Verbrechen gegenüber der Nachkommenschaft Jakobs zeigten  (1. Sam 22,18; Am 1,11). Gott ist langmütig und langsam zum Zorn, obwohl Er ausreichend Anlass gehabt hätte, sofort im Gericht über Israel und seine Feinde zu handeln. Wer daher brutal und gemein wie Edom handelt, stellt sich gegen den Allmächtigen und hat es direkt mit Ihm zu tun.

Als Christen werden wir wohl nicht so töricht sein, mit Fäusten aufeinander oder auf andere einzuschlagen. Allerdings kommt selbst das vor ... Aber es gibt subtilere Methoden, gewalttätig zu sein. Nicht von ungefähr sprechen wir davon, „unter dem Tisch“ gegen jemandes Schienbein zu treten. Vor allem unsere Zunge ist ein Instrument, das sehr langfristig Wunden durch üble Nachrede oder Verleumdung bereiten kann (Jak 3,5-8). Auch hier ist das Mittel zur Bewahrung: Selbstgericht.

 

d) Schadenfreude (V. 12)

Die in diesem Abschnitt vielleicht schlimmste Sünde ist die Schadenfreude. Man freut sich, wenn es einem anderen schlecht geht. Hat der andere nicht schon genug mit seiner schwierigen Situation zu tun? Diese böse Gesinnung offenbarte Edom. Als Jerusalem bzw. das Südreich Juda insgesamt von Nebukadnezar, dem Herrscher Babels, eingenommen wurde, freuten sie sich diebisch. Was für eine Gehässigkeit!

Können nicht auch wir uns über das Versagen und den Fall eines Bruders oder einer Schwester freuen? „Ich habe es schon lange so kommen sehen. Keiner hat mir geglaubt. Aber jetzt hat sich meine Prognose bzw. Beurteilung als wahr herausgestellt, ich hatte recht!“ „Bislang waren sie eine Vorzeigefamilie. Aber jetzt hat es sie ebenfalls getroffen, da ein Kind böse Wege geht.“ Statt mitzutrauern und intensiv zu beten und zu trösten, können wir uns über das Fallen eines anderen im Stillen freuen. Vielleicht tun wir sogar beides – öffentlich Trauer zeigen und uns heimlich freuen. Das offenbart ein Herz von Heuchelei. So etwas ist Gott zuwider.

 

9. Wer oder was ist Teman?

In Vers 9 heißt es: „Und deine Helden, Teman, werden verzagen, damit jedermann vom Gebirge Esaus ausgerottet werde durch Ermordung.“ Die Verbindung der Verse 8-10 zeigt, dass Teman ein anderer Titel für Edom ist. Nach 1. Mose 36,11 war Teman ein Enkelsohn Esaus, sogar einer der Fürsten (V. 15). Die Namensbedeutung von Teman ist „südlich“, wie Edom im Süden (Südosten) von Israel lag.

Aus Hiob 2,11 lernen wir, dass einer der drei Freunde Hiobs, Eliphas, ein Temaniter war. Offenbar war er der Anführer der Freunde (Hiob 42,7) und an sich, ähnlich wie Hiob, ein sehr weiser Mann. Leider wandte er diese Weisheit nicht Gott gemäß an.

Klugheit scheint ein besonderes Kennzeichen dieser Familie und ihrer Nachkommen gewesen zu sein. Denn Jeremia spricht in seiner Gerichtsankündigung ausdrücklich davon: „Über Edom. So spricht der Herr der Heerscharen: Ist keine Weisheit mehr in Teman? Ist den Verständigen der Rat entschwunden, ist ihre Weisheit ausgeschüttet?“ (Jer 49,7).

Menschliche Intelligenz ist nicht in der Lage, die göttliche Offenbarung zu erfassen oder anzunehmen (1. Kor 2,6.7.14). In einer Zeit, in der menschliche Errungenschaften (z. B. sog. künstliche Intelligenz) besonders hoch im Kurs stehen, gerade bei jungen Menschen, ist es gut, dies nicht zu übersehen. Wir sollen natürlich beim Bibelstudium usw. unseren Verstand anstrengen. Aber nur, wenn wir die Schrift in dem Bewusstsein lesen, dass wir auf Gottes Offenbarung und das Wirken des Heiligen Geistes in uns angewiesen sind, werden wir geistlichen Gewinn haben. Das heißt, ohne Demut und bewusste Abhängigkeit von dem Herrn geht es nicht. Auch für das tägliche Leben brauchen wir Weisheit von oben und nicht unsere Klugheit, um Überwinder sein zu können. Vergessen wir das nicht.

 

Sechs sind es, die der Herr hasst, und sieben sind seiner Seele ein Gräuel: hohe Augen, eine Lügenzunge, und Hände, die unschuldiges Blut vergießen; ein Herz, das böse Pläne schmiedet, Füße, die schnell zum Bösen hinlaufen; wer Lügen ausspricht als falscher Zeuge, und wer Zwietracht ausstreut zwischen Brüdern.

Sprüche 6,16-19

 



[1] Ich benutze die Nummerierung dieser „Fragen“ bzw. Zwischenüberschriften aus dem zweiten Teil der Artikelserie. So kann man beides besser miteinander vergleichen.