Bibelstudium

Auge um Auge, Zahn um Zahn - wie grausam!?

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – das klingt erstmal brutal. Viele denken dabei an knallharte Rache: Wer mir was tut, kriegt’s zurück. Aber ist das der Sinn in der Bibel?

 

In 2. Mose 21, 23 - 25 heißt es:

„Wenn aber Schaden geschieht, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme“.

Neben der Tatsache, dass man den Vers missversteht, hat er auch immer wieder Anlass zu antisemitischen Einstellungen gegeben, indem man hier einen barbarischen Grundsatz sieht, der nur zeigt, wie primitiv das Alte Testament und das jüdische Gesetz mit einer solchen Vergeltungslehre sind. Solche Missverständnisse entstehen immer dann, wenn man einen Vers aus dem Zusammenhang reißt.

Es geht hier um Entschädigung, um einen Ausgleich zwischen Täter und Opfer. Und dieser Ausgleich soll nach dem Prinzip der Gleichheit erfolgen. Deshalb Auge um Auge, Zahn um Zahn. Oder wie man auch sagen kann, nach dem Gedanken der Verhältnismäßigkeit: Es sollte zum Beispiel niemand für ein Auge getötet werden. Für einen angerichteten Schaden sollte der israelische Täter einen entsprechenden, gleichen Ersatz liefern. Also – um im Bild zu bleiben -, der ausgeschlagene Zahn konnte nicht mit einem ausgestochenen Auge bestraft werden. Somit wurde ein Ausgleich geschaffen und auch eine über die Schädigung hinausgehende unverhältnismäßige Vergeltung verhindert. Der Ausspruch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ sollte endlose Rachefeldzüge verhindern. Ziel war stattdessen eine endgültige Wiedergutmachung.

Dies wird noch deutlicher, wenn man 2. Mose 21, 26.27 liest:

„Und wenn jemand in das Auge seines Knechtes oder in das Auge seiner Magd schlägt und es zerstört, so soll er ihn frei entlassen für sein Auge. Und wenn er den Zahn seines Knechtes oder den Zahn seiner Magd ausschlägt, so soll er ihn frei entlassen für seinen Zahn.“

Diese Stelle zeigt, dass es gerade nicht darum geht, dem Herrn des Knechtes bzw. der Magd jetzt ein Auge auszustechen oder einen Zahn auszuschlagen. Stattdessen sollte der Täter eine angemessene Entschädigung leisten. Im vorliegenden Fall musste er auf den Sklaven oder die Sklavin als Arbeitskraft in Zukunft verzichten. Dem Opfer sollte als Entschädigung für die körperliche Verletzung die Freiheit geschenkt werden. Mit dieser Entschädigung oder Wiedergutmachung konnten vermutlich beide Seiten klarkommen. Sich gegenseitig hochschaukelnde Rachefeldzüge wurden damit unterbunden.

Dieser Rechtsgedanke war auch gerade in der damaligen Zeit ein Fortschritt. Die jüdische Vergeltungslehre war eben nicht barbarisch, anders als in vielen anderen antiken Gesellschaften. Noch heute gibt es besonders in diktatorischen Regimen oft drakonische Strafen, die in keinem Verhältnis zu der begangenen Tat stehen. Gottes Ziel der Anordnung im Alten Testament war also die Versöhnung, damit sowohl Täter als auch Opfer weiterhin in demselben Lebensumfeld (Familienverband, Stadt, Dorf etc.) zusammenleben können. So sollte verhindert werden, dass der verursachte Schaden eine dauerhafte Schädigung der Beziehungen bewirkt.

Es lohnt sich also, eine Bibelstelle im Zusammenhang zu lesen und auch mal nachzuprüfen, ob sogenannte biblische Redewendungen wirklich in der Bibel vorkommen und auch so gemeint sind, wie wir sie heute anwenden.

Der Christ steht nicht unter Gesetz. Dieser Gedanke ruft bei manchen die Reaktion hervor: Dann kann der Christ also tun, was das Gesetz verbietet. Doch diese Schlussfolgerung ist nur bedingt wahr.1

In der sogenannten Bergpredigt legt der Herr Jesus die Grundsätze seines Reiches dar. Und dabei wird deutlich, dass diese Grundsätze auf einer moralisch höheren Ebene liegen als das mosaische Gesetz. Auch unser Vers kommt in dieser Rede vor, wenn der Herr Jesus sagt:

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch das Oberkleid. Und wer dich zwingen will, eine Meile mitzugehen, mit dem geh zwei. Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will“ (Mt 5,38-41).

Das Gesetz forderte Vergeltung auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Entschädigung. Doch die Grundsätze seines Reiches gehen darüber hinaus. Sie verlangen Verzicht, das freiwillige Zurückstellen eigener Rechte – um des Namens des Herrn willen. Es geht darum, durch ein solches Verhalten ein Zeugnis zu sein für den Herrn dieses Reiches und seine Gesinnung zu offenbaren.

Ein solches Verhalten konnte das Gesetz weder verlangen noch die Kraft dazu geben. Dazu braucht es das neue Leben in Christus und die Kraft des Heiligen Geistes. Denn nur durch sie ist es möglich, ein Leben zu führen, das nach völlig anderen Maßstäben gelebt wird, als es die Welt oder das Gesetz je fordern konnte.

 

 



[1] Wenn es zum Beispiel um Speise- oder Hygienegebote geht, stellt das Neue Testament keine Anforderungen an uns Christen.