Mit Gott erlebt
Wenn eiserne Tore sich öffnen
Geoffrey T. Bull (1921–1999) diente dem Herrn Jesus in verschiedenen Ländern. Ein einschneidendes Erlebnis für ihn war eine dreijährige Gefangenschaft in China. Es ist beeindruckend zu sehen, wie er auch in dieser Zeit am Herrn festgehalten hat – oder wie er von Ihm festgehalten wurde.
Geoffrey Taylor Bull wurde am 24. Juni 1921 in London als Sohn von William und Ethel geboren. Seine Eltern brachten ihm den Glauben an Jesus Christus nahe und er bekehrte sich bereits als Kind zu Gott. Als er älter wurde, kam der Wunsch in seinem Herzen auf, das Wort Gottes in das damals völlig isolierte Tibet zu bringen.
Tibet und das Evangelium
Im März 1947 war es soweit: Bull und sein schottischer Mitarbeiter George N. Patterson (1920–2012) brachen nach China auf. Ihre Reise führte sie bis zu den Grenzgebieten zu Tibet, wo sie sich auf ihre eigentliche Missionsarbeit vorbereiteten. Drei Jahre lang widmeten sich die beiden Missionare dem intensiven Studium von Mandarin-Chinesisch und Tibetisch. Da in einigen chinesischen Provinzen Tibeter lebten, konnten sie die Sprache, Kultur und den buddhistischen Glauben der Tibeter kennenlernen. Sie teilten ihren nomadischen Lebensstil, ritten ihre temperamentvollen Ponys und aßen das gleiche Essen.
Da sein Mitarbeiter nach Indien gegangen war, reiste Bull im Jahr 1950 allein nach Tibet. Das Land war von einem finsteren Aberglauben verschleiert. Wenn der christliche Missionar von „Sünde“ sprach, dachten die Tibeter hauptsächlich an das Töten von Tieren. Aber ihre wirklichen Probleme lagen natürlich ganz woanders, beispielsweise in ihrer furchtbaren Unzucht. Einmal traf Geoffrey Bull ein Mädchen, das „Siebenundsechzig“ genannt wurde. Als er sich nach der Bedeutung dieses Spitznamens erkundigte, bekam er die lapidare Antwort: „Sie heißt so, weil sie mit 67 Männern zusammen war, bevor sie 17 wurde.“
Die Chinesen kommen
Mit Eifer und Hingabe predigte Geoffrey Bull die Rettung durch den Herrn Jesus Christus. Doch seine Dienstzeit währte nicht lange: Das kommunistische China überfiel Tibet im Oktober 1950 und spielte sich als großer Befreier auf. Bull wurde von chinesischen Soldaten gefangen genommen, die ihn für einen Spion hielten. Ihr Misstrauen wurde dadurch verstärkt, dass Bull keiner Missionsgesellschaft angehörte. Er kam in eine kleine Zelle, wo ihn eine riesige Welle der Enttäuschung zu Boden drückte. Wieso durfte er das Evangelium nicht verkündigen? Warum sollte er den Segen der guten Botschaft nicht mehr ausbreiten? Er verglich seine Situation mit Abraham, der den Sohn der Verheißung opfern sollte, der zum Segen für andere gesetzt war. Im Glauben wollte er sich auch dieser Prüfung stellen und die unverständliche Wegführung aus Gottes Hand annehmen.
Die strenge Einzelhaft und die erbärmliche Verpflegung zehrten an seinen Kräften und Nerven. Immer wieder wurde er nachts geweckt und unter das Sperrfeuer irrsinniger Anklagen genommen. Doch er bezeugte tapfer seinen Glauben und wehrte sich gegen den Vorwurf, für einen Geheimdienst zu arbeiten.
Bei der Lektüre der Bibel stieß er in dieser Zeit immer wieder auf die Zahl Drei und auf „drei Jahre“. Eigentlich war er sehr vorsichtig damit, Bibelverse aus dem Zusammenhang zu reißen und sie einfach in eine bestimmte Situation zu „werfen“. Doch in diesem Fall fragte er sich, was es mit den drei Jahren auf sich hatte. Sollte er etwa drei Jahre in dieser schrecklichen Gefangenschaft bleiben?
Im Gefängnis der Konterrevolutionäre
Nach einigen Monaten kam Bull in ein Gefängnis für Konterrevolutionäre. Dort sollte er konsequent umerzogen und auf den Kommunismus getrimmt werden. Mit perfiden Methoden wurde er pausenlos „therapiert“. Man überflutete seine Gedankenwelt mit den finsteren Lehren des Kommunismus. Er bemerkte, dass andere Gefangene sich veränderten und die „Gehirnwäsche“ bei ihnen deutliche Spuren hinterließ. Wie sollte er diesem teuflischen Druck auf Dauer standhalten und sich dem ideologischen Zermürbungsprozess widersetzen?
In der Bibel konnte er nicht mehr lesen, weil man sie ihm weggenommen hatte. Doch er kannte sich in dem Wort Gottes gut aus und hatte viel auswendig gelernt. Er schreibt: „Ich ging in Gedanken die ganze Heilige Schrift durch. Beim ersten Buch Mose fing ich an und rief mir jede einzelne Begebenheit ins Gedächtnis, so gut es mir möglich war. Ich habe mir zuerst einen Überblick über die Gesamtsituation verschafft, dann über bestimmte Details nachgedacht und schließlich über alles gebetet. So arbeitete ich mich Schritt für Schritt durch die ganze Bibel. Die Kraft, die mir aus diesen regelmäßigen Andachten erwuchs, war nach meiner Überzeugung ein wesentlicher Grund dafür, dass ich alles überstehen und meinen Glauben bis zuletzt bewahren konnte.“ Ein weiterer Eckpfeiler seiner Widerstandsfähigkeit in dieser schwierigen Zeit war das Gebet. Aber nicht nur er selbst betete. Auf allen fünf Kontinenten flehten Christen für den inhaftierten Missionar zu Gott.
Den Tod vor Augen
Es gehörte zur Strategie der Kommunisten, die Gefangenen durch Androhung der Todesstrafe einzuschüchtern und ihren inneren Widerstand zu brechen.
Als Bull seinen Missionsdienst begonnen hatte, hatte er dafür gebrannt, für Christus leiden und sterben zu dürfen. Rückblickend schrieb er: „Ich war mit dem brennenden Wunsch nach China gereist, Christus bis zum Äußersten zu dienen. Für mich lag darin kaum oder kein Opfer. Nichts auf der Welt wollte ich mehr tun. Ich sah keine Möglichkeit eines Rückzugs. Andere mochten scheitern, aber ich würde nicht scheitern. Andere mochten fallen, aber ich würde treu bleiben. Ich würde bis zum Ende durchhalten. Ich freute mich über den sich öffnenden Weg quer durch China, reiste glücklich den Jangtse hinauf, flog nach Chengdu, durchquerte die Ausläufer des Zentralasiatischen Plateaus bis an die tibetische Grenze. Es war nicht schwer. Es war leicht. Es war genau das, was jeder junge Mensch in seinen Zwanzigern gerne getan hätte.
Doch nach vielen Monaten saß ich allein in meiner kleinen Blockhütte, hunderte Meilen entfernt von der Außenwelt, ein christlicher Missionar unter den Buddhisten Tibets. Draußen vor dem kleinen Fenster erstreckte sich das immense Land westwärts. Der größte Teil davon war von Weißen unerforscht. Eindringlinge wurden schnell erschossen. Weite Grasländer, hohe Kämme, öde Pässe und tiefer Schnee. Die Nacht brach früh herein. Das einzige Licht war eine kleine Butterlampe. Ich würde nun allein sein bis zum Tag X. Meine Zukunft bestand darin, in dieses Gebiet zu ziehen, der dortigen Feindseligkeit zu begegnen und den Samen des Wortes Gottes auszustreuen. Andere waren in die Grenzgebiete gekommen, hatten gearbeitet, waren gestorben. Es gab Gräber in den Bergen, Gedenkgottesdienste in den Heimatländern. Um mich herum wurden Intrigen geschmiedet, hinter mir war die Rote Armee Chinas, vor mir die Berge, wohin der Wille Gottes mich führte. War ich bereit, als Märtyrer zu sterben? Hatte ich nicht beteuert: ,Mein Leben will ich für dich lassen?‘ (wie Petrus in Joh 13,37). Doch die Frage des großen Meisters tauchte immer wieder auf: ,Dein Leben willst du für mich lassen?‘ (Joh 13,38). ,Willst du ... willst du ... willst du?‘
Die Tage verstreichen und ich werde zum Gefangenen der kommunistischen Armee. Es geht um unbegrenzte Einzelhaft. Nach vielen Tagen werde ich von einem jungen Beamten aus der Zelle geholt. Er spricht mit mir eindringlich über die Möglichkeit einer Hinrichtung. Er ist ruhig, aber bestimmt. Er scheint es ernst zu meinen. Ich bin jung und es fällt mir schwer, daran zu denken, allein dort draußen in den Hügeln zu sterben. Ich kehre in die dunkle Zelle zurück und kämpfe weiter. Mit den Knien im Staub und in der Dunkelheit versuche ich, meinen Herzschlag zu beruhigen und die Tränen zurückzuhalten. ,Mein Leben willst du für mich lassen? Willst du ... willst du?‘
Monate vergehen. Die Situation ist sehr angespannt. Es scheint, als könne das Ende nicht mehr fern sein. Mir wird gesagt, dass ich den Tod zu erwarten habe. Ich werde intensiv verhört. Dann ruft mich ein Beamter, der vertraulich mit mir spricht. Er sagt mir, dass ich zwar nicht sofort erschossen werde, aber letztlich doch sterben muss, falls ich nicht nachgebe. Er redet sehr aufrichtig und scheint mir helfen zu wollen. Tatsächlich hat er als Mensch großen Eindruck auf mich gemacht. Ich kann fast spüren, dass er in gewisser Weise Mitleid mit mir hat. Das macht die Tortur nur noch schwerer zu ertragen. Mein Tod steht also bevor und alles, was ich weiß, ist, dass ich nicht mehr sage: ‚Mein Leben will ich für dich lassen.‘ Nicht, dass ich es nicht tun würde, wenn ich müsste, das weiß Er – aber nur, wenn ich müsste. Es ist nicht wirklich mein Wille, für Ihn zu sterben. Der Wille, zu leben, ist viel stärker. Warum ist das so? Einfach, weil ich jetzt der Realität gegenüberstehe und nicht den Hirngespinsten meiner Tagträume.“
Auch wenn sich Bull selbstkritisch hinterfragte und innerlich kämpfen musste, konnte er doch schreiben: „Die Momente des Sieges für mich waren, als sie sahen, dass ich keine Angst mehr vor dem Tod hatte, dass das Überleben nicht länger vorrangig war … Wir sind alle zu sehr darauf aus, zu leben, zu halten, zu greifen und zu regieren. Wir vergessen, dass unsere Aufgabe darin besteht, zu sterben. Paulus sagt: ‚Täglich sterbe ich‘ (1. Kor 15,31) … Als Sklaven, die mit einem Preis gekauft wurden, haben wir alle Rechte an uns selbst verloren. Doch in der Anerkennung seiner Rechte über uns liegt die volle Freude. Wir gehören nicht uns selbst, sagt Paulus (1. Kor 6,19). Der Abschied von dieser Erde ist wirklich nur ein Übergang von einem Bereich des Dienstes in einen anderen, durch den Meister, der weiß, was Er tut und der niemals irrt.“
Wenn eiserne Tore sich öffnen
Geoffrey Bull wurde nicht getötet. Die Kommunisten hatten kein Interesse daran, Märtyrer zu schaffen. Sie wollten die Gefangenen vielmehr vom Kommunismus überzeugen. Und tatsächlich kippte einer nach dem anderen um. Nur unser Bruder blieb, durch Gottes Gnade, standhaft und bezeugte unbeirrt sein Vertrauen in das Wort Gottes.
Auf einmal hörten die Verhöre auf und es wurde ihm eine Zusammenfassung sämtlicher Verhöre übergeben, die er unterschreiben sollte. Was hatte das zu bedeuten?
In seiner Zelle dachte er über seine Lage nach: „In dieser wohltuenden Stille überprüfte ich mich selbst hinsichtlich meines Glaubens. Viele Wogen und Wellen waren während der letzten drei Jahre über mich gegangen. Satan hatte nichts unversucht gelassen, um mir mein Gottvertrauen zu nehmen oder es doch empfindlich zu schwächen. Mein Verstand hatte derart gelitten und ich war so erschöpft, dass ich kaum wusste, wie ich noch denken sollte. Aber ich sollte ja auch gar nichts anderes festhalten als das, dass der Sohn Gottes lebte und mein Erlöser war, dass Er sein Blut für mich vergossen hatte. Ich war innerlich und äußerlich zerrissen und zerschunden worden, aber immer noch war ich mir dessen bewusst, dass ich getragen wurde von seinen ewigen Armen. In meinem Herzen befand sich auch jetzt noch das Zeugnis seines Geistes. So konnte ich siegen und den Angriffen des Feindes trotzen. Ich wusste: Ich stand mit beiden Füßen auf dem uneinnehmbaren und unerschütterlichen Felsen der Ewigkeit, Jesus Christus, meinem Gott und Herrn. Und während ich nachdachte, quollen aus der Tiefe meiner Seele jene Worte, die Gott über alles stellt, was Menschen sagen können: Ich glaube! Ich glaube!“
Im Dezember 1953 bekam Bull die wunderbare Nachricht, dass er aus dem Gefängnis entlassen und den britischen Behörden in Hongkong übergeben werden sollte. Er war ein freier Mann! Er hatte jedoch keinen Pass, kein Geld, keinen Plan und kannte niemanden in Hongkong. Doch er wurde dort von einem Missionar und Kindheitsfreund empfangen. Diese unerwartete Begegnung war für Bull ein Zeichen von Gottes gnädiger Fürsorge und ermutigte ihn sehr.
Langsam erholte er sich von den Strapazen und der emotionalen Belastung des Gefangenenlagers. Im Juni 1955 heiratete er Agnes (Nan) Templeton aus Schottland. Es war ein Neuanfang nach den traumatischen Jahren hinter eisernen Toren. Zunächst verbrachte das Ehepaar ein Jahr in Australien, danach brach es zu einem weiteren Missionsdienst auf. Bull nutzte seine Freiheit, dem Herrn zu dienen. Dazu gehörte auch, dass er Bücher schrieb.
Dieser kurze Lebensbericht geht im Wesentlichen auf zwei seiner Bücher zurück: „Hinter eisernen Toren“ und „God Holds the Key“ (nur auf Englisch). Das Buch „Hinter eisernen Toren“ ist beim Herausgeber dieser Zeitschrift erhältlich und kostet 12,90 €. Es ist auch als Hörbuch erschienen.
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