Zum Nachdenken

Paradoxa im Wort Gottes

Es gibt Fragen im Wort Gottes, die unbeantwortet bleiben. Darunter gibt es solche, die letztlich unbeantwortet bleiben müssen. Sie sind mit unserer menschlichen Logik nicht zu beantworten, da wir mit unserem begrenzten Verstand keine Antwort finden können. Ein Beispiel: „War der Herr am Kreuz nur als Mensch von Gott verlassen oder auch als Sohn von seinem Vater?“ Ein weiteres Beispiel: „Wenn ein endlicher Teil der Weltbevölkerung auserwählt wurde zur Herrlichkeit, warum ist der andere Teil dann nicht automatisch zur Verdammnis zuvor bestimmt?“

 

Arten von Widersprüchen

Die Fragen, um die es hier geht, haben alle einen gemeinsamen Ursprung. Sie ergeben sich aus Paradoxa in der Schrift, das heißt aus solchen Aussagen, die für unseren menschlichen Verstand einen Widerspruch darstellen.

Vermeintliche Widersprüche gibt es ja viele, und allzuoft hört man sie von solchen, die gegen die Bibel argumentieren wollen. Sie bringen verschiedene Bibelstellen vor, die sich vermeintlich widersprechen. Wenn man aber den Zusammenhang richtig berücksichtigt, lösen sich diese Widersprüche auf.

Oder solche Menschen bringen eine Bibelstelle vor, die vermeintlich dem Geschehen in der Schöpfung widerspricht. Dazu gehört zum Beispiel der Vorwurf, der Hase wäre doch gar kein Wiederkäuer, wie es die Bibel behauptet (3. Mo 11,6). Wenn man beachtet, dass der Hase seinen Kot nochmals zu sich nimmt, kann man diesen Vorwurf entkräften, so wie letztlich jeden dieser vermeintlichen Widersprüche. Diese nicht wirklichen Widersprüche haben eins gemeinsam: Wer sie nicht auflösen kann, hat zu wenig Wissen, entweder über die Schrift selbst oder über die Schöpfung. 

Es gibt aber auch Widersprüche, die die menschliche Logik unseres Verstandes nicht schafft zusammenzubringen. Der Grund liegt darin, dass Gott uns hier etwas mitteilt, das unser menschliches Fassungsvermögen übersteigt. Das ist dann der Fall, wenn Gott uns etwas über sein göttliches, unendliches Wesen offenbart, das vom Prinzip her unser menschliches, begrenztes Wesen bei weitem übersteigen muss. Er ist allwissend, zeitlos und souverän im Gegensatz zur menschlichen Natur. Nun hat es Gott gerade gefallen, uns in seinem Wort solche Dinge über sein eigenes Wesen mitzuteilen, also Dinge, die in unserem begrenzten Verstand nicht gleichzeitig existieren können. Und doch sind sie wahr, ist beides göttliche Wirklichkeit. 

Zwei dieser wunderbaren Wahrheiten sind besonders wertvoll und führen uns zur Anbetung:

  • Jesus Christus, Gott und Mensch: Auf diese Erde kam ein Mensch, „der Mensch Jesus Christus“ (1. Tim 2,5), der gleichzeitig ewiger Gott ist, was die Schrift zweifelsfrei bezeugt: „Dieser ist der wahrhaftige Gott …“ (1. Joh 5,21).
  • Auserwählung und Verantwortung: Wir dürfen darüber staunen, dass „er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt“ (Eph 1,4), zugleich bleibt das Prinzip der Verantwortung unberührt: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden“ (Apg 16,31).

 

Wenn logische Schlüsse unerlaubt sind

Wenn Gott uns solche Dinge über sich mitteilt, die wir nicht verstehen können, dürfen wir daraus keine weiteren Schlussfolgerungen ziehen. Wenn etwas das Fassungsvermögen unseres menschlichen Verstandes übersteigt, sollten wir grundsätzlich bei dem Gedanken stehen bleiben, den die Schrift vorstellt, und keine weitergehenden Gedanken daraus ableiten[1]. Dafür gibt es mindestens zwei Gründe.  

  • Wir betreten „heiligen Boden“ und die Ehrfurcht einem heiligen Gott gegenüber gebietet es, nicht weiter einzudringen in das, was unser Denkvermögen übersteigt. Wenn Gott uns Blicke tun lässt auf seine Ewigkeit und Zeitlosigkeit, seine Allmacht und Souveränität, sein Allwissen und seinen unergründlichen Verstand, dann schweigt der Mensch mit seinen begrenzten Fähigkeiten. Er nimmt an, was Gott ihm sagt. Das heißt natürlich nicht, dass man sich darüber nicht mit Gläubigen austauschen und entsprechend Fragen formulieren darf. Wir dürfen uns miteinander an jedem Teil der Wahrheit erfreuen.
  • Es gibt noch einen weiteren, sehr einfachen menschlichen Grund, warum man hier nicht weiter analysieren darf. Argumentiert man auf Basis eines logischen Widerspruchs, so kann man jede beliebige Aussage daraus folgern, ob sie sinnvoll ist oder nicht.[2] Ein einfaches Beispiel kann dies verdeutlichen: Gott schläft nicht (Ps 121,3.4), sonst hätte Er in diesem Moment nicht das volle Bewusstsein aller Dinge. Der Herr Jesus aber schlief im Schiff auf einem Kopfkissen und wurde geweckt (Mk 4,38). Die Frage, ob der Herr wohl alles Reden seiner Jünger gehört haben mag, während er schlief, können wir nicht beantworten, da menschliche Logik hier nur zu gegensätzlichen Aussagen kommen kann. Der Mensch Jesus Christus schlief und hatte damit kein Bewusstsein der Dinge, die um ihn herum geschehen. Zugleich wusste Er, der ewige Gott, was die Jünger bewegte.

 

Nicht zu beantwortende Fragen

Nun kommen wir zurück auf die einleitenden Fragen, die mit aufrichtigem Interesse immer wieder gestellt werden, und ordnen sie in diesem Zusammenhang ein:

  • War der Herr am Kreuz nur als Mensch von Gott verlassen oder auch als ewiger Sohn Gottes von seinem Vater? Diese Frage erscheint zunächst berechtigt, wenn wir einerseits seinen erschütternden Ruf hören: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen (Mt 27,46)“, und Er andererseits sagt: „Der mich gesandt hat, ist mit mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich allezeit das ihm Wohlgefällige tue (Joh 8,29)“. Einmal spricht der Mensch Jesus Christus zu seinem Gott, dem Er unentwegt gedient hatte und der Ihn nun verlassen musste. Das andere Mal spricht der ewige Sohn Gottes über seinen Vater, mit dem Ihn ein unverbrüchliches Band verbindet. Der Herr verweist sogar ausdrücklich darauf, dass der Vater bei Ihm sei (Joh 16,32).
    Wir sehen hier einen Widerspruch für die menschliche Logik, der aus der für uns unfassbaren Tatsache entsteht, dass Jesus Christus vollkommen Mensch und Gott in einer Person ist. Dass der Herr sowohl Mensch als auch Gott in einer Person ist, übersteigt unser menschliches Verständnis, so dass wir die obige Frage nicht beantworten können. Insbesondere könnte die Formulierung der Frage („als Mensch verlassen, als Sohn Gottes nicht“) bereits eine Lösung nahelegen, die keine sein kann. Denn in keinem Fall könnten wir den Widerspruch dadurch aufzulösen suchen, dass wir in dem Herrn Jesus zwei Personen sehen.[3] Die tiefe, einzigartige Not des Verlassenseins von Gott zu empfinden und auszudrücken liegt verborgen in der Einzigartigkeit seiner Person.
  • Wie kann sich jemand in eigener Verantwortung für Gott entscheiden, wenn er nicht zu denen gehört, die vor Grundlegung der Welt auserwählt wurden?  Auch diese Frage ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass nur eine endliche Anzahl von Menschen auserwählt sein können vor Grundlegung der Welt (Eph 1,4), für den anderen Teil aber heute nur eine Alternative existiert: die Verdammnis.
    Zugleich aber macht die Schrift klar, dass der Glaube dafür entscheidend ist, ob man ins Gericht kommt oder nicht: „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes (Joh 3,18)“.

Dieser Widerspruch für die menschliche Logik findet seine Antwort in der Souveränität Gottes, in der Er auch Dinge bestimmen kann, die ebenfalls mit dem Willen des Menschen zu tun haben. Das Wesen Gottes und sein Handeln stehen über unserem Willen, mit dem wir in Verantwortung vor Gott stehen. Leider gab es in den vergangenen Jahrhunderten zahlreiche menschliche Versuche, diese unfassbare Tatsache für den begrenzten menschlichen Verstand aufzulösen. Entweder hat man dabei die Souveränität Gottes überbetont (z. B. im Calvinismus) oder die Verantwortung des Menschen (z. B. im Arminianismus). Der Calvinismus auf der einen Seite leugnet die Tatsache, dass niemand zur Verdammnis erwählt ist, sondern dass sich Menschen nur selbst zu Gefäßen des Zorns machen können (Röm 9,22). Auf der anderen Seite gibt es solche, die die Souveränität Gottes einschränken, indem sie die Auserwählung reduzieren wollen auf die Tatsache, dass Gott bereits vorher weiß, wie der Mensch sich entscheiden wird. Sicherlich ist es wahr, dass Gott alles im Vorhinein weiß. Aber das ist nicht die Auserwählung vor Grundlegung der Welt. Diese ist vielmehr eine aktive, willentliche Auswahl.[4]

 

Anlass zur Anbetung

Wie gehen wir mit solchen scheinbaren Paradoxa in der Bibel um? Mit solchen Tatsachen, die bei Gott völlig wahr und vereinbar sind, für uns aber auf dieser Erde nicht in Einklang zu bringen sind? Wir sehen, dass Gott uns etwas von seiner Größe mitteilt, auch wenn wir es nicht begreifen können. Auch wenn Er weiß, dass wir immer nur eine Seite ansehen können wie bei einer Münze, bei der man nie beide Seiten gleichzeitig erfassen kann. Er erwartet, dass wir die Seiten nicht vermengen, aber Er enthält sie uns deshalb nicht vor. Im Gegenteil: Er öffnet sein Herz, damit wir sein Handeln in Liebe sehen, wie Er tätig wird in der Auserwählung von solchen, die es nicht verdient haben. Er zeigt uns herrliche, unfassbare Wahrheiten. Und er lässt uns Blicke tun auf seinen einzigartigen Sohn. Blicke, die unseren Verstand übersteigen, die uns aber auf die Knie bringen, um Ihn anzubeten. Ihn, der unser Herz schon jetzt ganz erfüllen möchte und den wir einmal sehen werden, wie Er ist.

 

 



[1] Dies bedeutet natürlich nicht, dass wir Aussagen des Wortes Gottes nicht anders formulieren dürften. Auslegung besteht oft gerade in der Verdeutlichung durch andere Worte.
[2] Dieses Prinzip nennt sich „ex falso quodlibet“: aus Falschem folgt Beliebiges. Es ist sogar mathematisch für menschliche Logiksysteme bewiesen worden. Man kann aus einem Widerspruch nicht nur jede unsinnige Behauptung beweisen, sondern gleichzeitig auch noch deren Gegenteil.
[3] Eine ausführliche Behandlung dieses Themas findet sich z.B. in dem Buch „Der Sohn seiner Liebe“ von William J. Hocking oder in der Broschüre „Wer ist Gott?“ von Max Billeter.
[4] Siehe dazu auch „Folge mir nach“, Heft 10/2014, oder eine ausführliche Behandlung in dem Buch „Auserwählt in Christus“ von Manuel Seibel (CSV, Hückeswagen 2015).




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