Bibelstudium

Eine Einführung zu den Klageliedern

Kinder spielen in den Gassen, Händler bieten lautstark ihre Ware an und Bettler bitten um Almosen. Solche und ähnliche Bilder gehen uns durch den Kopf, wenn wir an frühere Städte in Israel denken. Umso irritierender ist es, auf eine zerstörte Stadt zu blicken, denn da, wo eigentlich das Leben pulsieren sollte, finden sich lediglich Spuren von Hass, Gewalt und Vernichtung.

Einleitung

Das Buch „Die Klagelieder“ bietet einen solchen Anblick; hier hungern sogar die Reichsten, Ware zum Handeln fehlt schon lange und die Kinder liegen am Boden auf den Gassen oder werden sogar – als trauriger Höhepunkt des Elends – gegessen, um den Hunger zu stillen. Das sind Bilder aus der Stadt Jerusalem, als sie vor ungefähr 2600 Jahren von der Großmacht Babel belagert und schließlich völlig zerstört wurde. Die Klage über die Zerstörung Jerusalems ist uns im Alten Testament bis heute erhalten geblieben – im Buch der „Klagelieder“.

Damals wurden diejenigen, die an Jerusalem vorübergingen, aufgefordert, auf die Stadt zu sehen: „Merkt ihr es nicht, alle, die ihr des Weges zieht? Schaut und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, der mir angetan wurde, mir, die der Herr betrübt hat am Tag seiner Zornglut“ (Klgl 1,12). Der Vers spricht zudem eine schmerzliche Erkenntnis für das Volk Israel an. Denn sie wussten, dass hinter den Angriffen, Plünderungen und Verwüstungen der Babylonier ihr Gott stand. Zwar benutzte Gott die Babylonier,

aber es war sein Gericht, das sie mit voller Wucht getroffen hatte. Jeremia 21,5 bezeugt das eindrücklich: „So spricht der Herr, der Gott Israels: ‚Und ich selbst werde gegen euch kämpfen mit ausgestreckter Hand und mit starkem Arm und mit Zorn und mit Grimm und mit großer Wut.’“

Gott hat sein Volk Israel immer wieder eindringlich vor dem kommenden Gericht gewarnt. Er benutzte dazu auch sogenannte Zeichenhandlungen, das heißt, dass ein Prophet seine Gerichtsbotschaft durch eine symbolische Handlung veranschaulichte. So sollte Jeremia beispielsweise vor den Ältesten des Volkes und der Priester einen Krug zerbrechen. Dadurch veranschaulichte er die Botschaft, dass Gott das Volk und Jerusalem wie diesen Krug zerschmettern würde (vgl. Jer 19).

Auch das zerstörte Jerusalem kann als eine „Zeichenhandlung“ verstanden werden, durch die Gott an uns eine Botschaft richtet. Wenn wir in diesem Beitrag auf eine Ruinenstadt schauen, soll uns dabei die Frage begleiten, was Gott uns bzw. mir sagen möchte. Gottes Lektion in den Klageliedern ist anschaulich und eindrücklich, wir müssen nur hinsehen.

Die Botschaft der alttestamentlichen Texte lässt sich auf verschiedenen Ebenen betrachten, die in dieser Einführung alle berücksichtigt werden sollen:

  • Historische Ebene Hier lassen sich Fragen stellen wie: In welcher Situation wurde das Buch Klagelieder geschrieben? Wie hat Gott mit seinem Volk Israel damals gehandelt?
  • Praxisbezogene Ebene Aus den geschichtlichen Betrachtungen lassen sich Unterweisungen für die Praxis heute ableiten. Jeder darf das Alte Testament auf sich anwenden, es ist zu unserer Belehrung geschrieben (vgl. Röm 15,4).
  • Prophetische Ebene Das Alte Testament zeigt in einer prophetischen Sicht etwas von der Zukunft Israels.
  • Typologische Ebene Bei einer typologischen Auslegung stellt man die wichtige Frage, was man von Jesus Christus in diesem Buch finden kann, denn das ganze Alte Testament zeugt von Ihm (Joh 5,39).

Gliederung

Der Artikel soll in vier Folgen erscheinen:
Teil I Einleitende Fragen zu den Klageliedern (Hintergrundinformationen)
Teil II Inhaltlicher Überblick
Teil III Praktische Anwendungen
Teil IV Prophetische und Typologische Auslegung

Teil I: Einleitende Fragen

Welchen Namen trägt das Buch?

Das Bibelbuch Klagelieder hat in der hebräischen Überlieferung zwei verschiedene Namen erhalten, die sich beide als Buchtitel gut eignen. Die eine Bezeichnung ist „qinot“, die sich im Deutschen mit „Klagelieder“ übersetzen lässt. Der hebräische Begriff wird auch in 2. Chronika 35,25 genannt, die dort erwähnten Klagelieder Jeremias über den König Josia sind jedoch andere. Die in deutschen Bibelübersetzungen übliche Überschrift „Klagelieder (Jeremias)“ beschreibt sowohl den Inhalt des Buches („Klage“) als auch dessen Gattung („Lieder“). Es ist ein poetisches Buch, das sich aus fünf Liedern zusammensetzt, die der Kapiteleinteilung entsprechen.

Die andere Überschrift, „echa“, folgt der Tradition, biblische Bücher nach ihrem Anfangswort zu benennen. „Echa“ ist ein Klageschrei, der mit „Ach“ oder „Wie“ übersetzt werden kann und in Klagelieder jeweils am Anfang der Kapitel 1, 2 und 4 steht.

Wer hat die Klagelieder geschrieben?

Der Autor der Klagelieder wird in der Bibel nicht ausdrücklich genannt. Es gibt jedoch einige Hinweise, die dafür sprechen, dass Jeremia der Verfasser ist. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta) wird dem biblischen Text folgende Einleitung vorangestellt: „Und es geschah, nachdem Israel in die Gefangenschaft weggeführt und Jerusalem verwüstet war, da saß Jeremias weinend da und sang diesen Klagegesang über Jerusalem und sprach: …“ Neben dieser traditionellen Zuweisung ist jedoch wichtig, dass Jeremia alle Kriterien erfüllt, die die Klagelieder von dem Verfasser fordern: Zum einen war er ein Augenzeuge der Zerstörung Jerusalems (Jer 39), zum anderen stimmt seine geistliche Haltung mit den in den Klageliedern beschriebenen Empfindungen überein. Weitere Hinweise sind, dass er das schon erwähnte Klagelied über Josia verfasst hat und dass es inhaltliche Parallelen zum Buch Jeremia gibt.

Jeremias Dienst erstreckt sich über die Zeit der fünf letzten Könige Judas (Jer 1,3), so dass er ca. 40 Jahre lang das Volk Gottes zur Umkehr aufforderte und das Gericht ankündigte. Berufen wurde er 626 v. Chr., im 13. Jahr des Königs Josia. Der Zeitpunkt seines Todes ist unbekannt, denn seine Spur verliert sich in Ägypten. Da er das Versagen des Volkes Israel in seinen Botschaften schonungslos aufdeckte und das drohende Gericht prophezeite, stieß er auf viel Widerstand. Wie sehr Jeremia unter der vielfältigen und hartnäckigen Ablehnung seines Dienstes gelitten hat, beschreiben eindrucksvoll seine Klagen. Jeremia 20,7–9 gibt einen Einblick in seinen inneren Kampf: „Herr, du hast mich beredet, und ich habe mich bereden lassen; du hast mich ergriffen und überwältigt. Ich bin zum Gelächter geworden den ganzen Tag, jeder spottet über mich. Denn sooft ich rede, muss ich schreien, Gewalttat und Zerstörung rufen; denn das Wort des Herrn ist mir zur Verhöhnung und zum Spott geworden den ganzen Tag. Und spreche ich: ‚Ich will ihn nicht mehr erwähnen, noch in seinem Namen reden’, so ist es in meinem Herzen wie brennendes Feuer; eingeschlossen in meinen Gebeinen; und ich werde müde, es auszuhalten, und vermag es nicht.“ Auch wenn er hier resignieren und am liebsten seinen Auftrag aufgeben will, brennt in Jeremia immer noch ein Feuer, das ihn zum Weitermachen motiviert. Der Bibelausleger John Nelson Darby hat dieses Feuer als das Wort Gottes gedeutet: „Wir verstehen das alles sehr wohl: die große Ungerechtigkeit der Menschen, die sich das Volk Gottes nennen; die Art, in der das schwache Herz vor dieser herz- und gewissenlosen Ungerechtigkeit zurückbebt; und wie bei solchen Gelegenheiten das Wort doch zu mächtig in uns ist, um in unseren Herzen eingeschlossen bleiben zu können.“

An welcher Stelle stehen die Klagelieder in der Bibel?

Das hebräische Alte Testament zählt das Buch zu dem dritten Teil des Kanons, den „Schriften“ (Ketubim), 1 und innerhalb dieser Einheit zu den fünf „Rollen“ (Megillot). Diese fünf Bücher (Ruth, Hohelied, Prediger, Klagelieder, Esther) werden zu verschiedenen jüdischen Fest- oder Gedenktagen vorgelesen. Das Buch Klagelieder liest man bis heute am Gedenktag der Zerstörung des Tempels (9. Aw, Juli-August). In den Übersetzungen, welche die Reihenfolge der alttestamentlichen Bibelbücher von der Septuaginta übernommen haben, befinden sich die Klagelieder hinter dem Buch Jeremia, da der Prophet Jeremia traditionell als Verfasser der Klagelieder angesehen wird.

Wann wurden die Klagelieder geschrieben?

Das Buch ist wahrscheinlich kurz nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahr 586(7) v. Chr. verfasst worden. Der unmittelbare Eindruck des Elends und die Verzweiflung sind in den Liedern deutlich spürbar.

Der geschichtliche Hintergrund

Die Zerstörung Jerusalems war ein tiefer Einschnitt in der Geschichte Israels. Nachdem der größte Teil der Israeliten schon in der assyrischen Gefangenschaft war, ging Israel jetzt – so wirkte es zumindest auf die Zeitgenossen – mit der Einnahme Jerusalems vollständig unter. Die Vorgeschichte soll im Folgenden kurz skizziert werden.

Von der Reichsteilung bis zu Josia Im Jahr 930 v. Chr. erlebte Israel eine schmerzvolle Trennung. Nach dem Tod des Königs Salomo teilte sich das Reich in ein Nord- und ein Südreich. Das zehnstämmige Nordreich (Israel genannt) war durch gottlose Regenten und die Ausübung von Götzendienst gekennzeichnet, so dass Gott sie im Jahr 722 v. Chr. in die Hand Assyriens gab. Die Bevölkerung des Nordreiches wurde in verschiedene Gebiete des assyrischen Reiches weggeführt. Der biblische Kommentar stellt deutlich die Schuld des Volkes und der Könige heraus: „Und dies geschah, weil die Kinder Israel gesündigt hatten gegen den Herrn, ihren Gott, der sie aus dem Lande Ägypten heraufgeführt hatte, aus der Hand des Pharaos, des Königs von Ägypten, und weil sie andere Götter fürchteten und in den Satzungen der Nationen wandelten, die der Herr vor den Kindern Israel vertrieben hatte, und der Könige von Israel, die diese gemacht hatten.“ (2. Kön 17,7) Es lohnt sich den gesamten Abschnitt (2. Kön 17,7–18) zu lesen, der mit den Worten endet: „Da erzürnte der Herr sehr über Israel und tat es vor seinem Angesicht weg; es blieb nichts übrig, nur der Stamm Juda allein“ (V. 18).

Das Südreich (Juda genannt) war auch dem Götzendienst erlegen, hatte aber im Gegensatz zum Nordreich auch einige gottesfürchtige Könige. Gott belohnte die geistlichen Erweckungen in dem Zweistämmereich (Juda und Benjamin), indem Er das Gericht an Juda erst später ausführte. So bewahrte Gott beispielsweise die Hauptstadt des Südreiches (Jerusalem) durch ein Wunder vor einem assyrischen Angriff, ungefähr zwei Jahrzehnte nachdem die zehn Stämme des Nordreichs weggeführt worden waren (vgl. 2. Kön 19,32–37). Zur Zeit des Königs Josia ging das Assyrische Reich unter, und es stand eine neue Großmacht auf, Babel, die auch ein Feind des Volkes Gottes werden sollte. In die Herrschaftszeit Josias fiel auch der Beginn des Dienstes des Propheten Jeremia. Er erlebte unter den Nachfolgern Josias den moralischen Niedergang Israels, der sein Ende in der Zerstörung Jerusalems fand.

 

Die vier letzten Könige Judas (2. Kön 23,30-25,30 und 2. Chr 36)

Joahas
  • Sohn Josias / regierte 3 Monate in Jerusalem
  • wurde vom ägyptischen Pharao Neko abgesetzt und nach Ägypten gebracht, wo er starb (vorausgesagt in Jer 22,11)
  • „Er tat, was böse war in den Augen des Herrn.“ (2. Kön 23,32)
Jojakim (Eljakim)
  •  der Bruder von Joahas / regierte 11 Jahre in Jerusalem 
  • wurde von Neko an Stelle seines Bruders eingesetzt 
  • unterwarf sich zunächst dem babylonischen König Nebukadnezar, rebellierte aber 3 Jahre später gegen ihn und provozierte damit die erste Einnahme Jerusalems (597 v. Chr.) 
  • erste Wegführung nach Babel (darunter auch der Prophet Daniel) 
  • „Er tat, was böse war in den Augen des Herrn.“ (2. Kön 23,37)
Jojakin (Jekonja, Konja)
  • Sohn Jojakims / regierte 3 Monate und 10 Tage in Jerusalem 
  • er wurde mit seinem Hof und ca. 10.000 Menschen nach Babel de- portiert, wo er bis zu seinem Tod blieb (zweite Wegführung) 
  • „Er tat, was böse war in den Augen des Herrn.“ (2. Kön 24,9)
Zedekia (Mattanja)
  •  Sohn Josias / regierte 11 Jahre in Jerusalem 
  • wurde von Nebukadnezar eingesetzt, rebellierte dann gegen Babel 
  • es folgte die Belagerung und Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier (dritte Wegführung) 
  • wurde mit geblendeten Augen als Gefangener nach Babel gebracht 
  • „Er tat, was böse war in den Augen des Herrn.“ (2. Kön 24,19)

 

Zerstörung Jerusalems und Flucht nach Ägypten (2. Kön 25; 2. Chr 36; Jer 39–44; 52)

Nach einer längeren, aufreibenden Belagerungszeit (ungefähr eineinhalb Jahre), wandten sich die Babylonier kurzzeitig von Jerusalem ab, um gegen die angreifenden Ägypter zu kämpfen (Jer 37). Nach dem von Jeremia prophezeiten Sieg über die Ägypter zogen die Babylonier den Ring um Jerusalem immer enger, bis die Stadt schließlich eingenommen wurde. Unter Nebusaradan, dem Befehlshaber der Leibwache Nebukadnezars, wurden der Tempel, der Palast und alle Häuser Jerusalems niedergebrannt, die Mauern niedergerissen und die Bevölkerung weggeführt. Lediglich ein Teil der Landbevölkerung, die „Geringen, die nichts hatten“, blieb zurück, um die Weinberge und Felder zu bestellen, andere flohen in die Nachbarländer. Jeremia wurde auf Anweisung Nebukadnezars aus der Gefangenschaft befreit und in eine bevorrechtigte Position gesetzt, er durfte sich frei bewegen. Der Judäer Gedalja wurde neuer Statthalter über die Städte Judas (Jer 40,7). Er ermutigte die Juden wieder in ihren Häusern zu wohnen und zu ernten. Das sprach sich herum, und es kehrten einige Juden aus der Vertreibung zurück nach Juda. Dieser Neuanfang wurde jedoch durch einen jüdischen Adligen, Ismael, unterbrochen. Im Auftrag des Königs von Ammon tötete er Gedalja und einen Teil der Bevölkerung, die bei ihm war (auch Babylonier), und versuchte die Übriggebliebenen als Gefangene zu den Ammonitern zu führen. Diese Überführung scheiterte jedoch, weil Jochanan und einige Heerobersten von Ismaels Schandtaten gehört hatten, sich ihm in den Weg stellten und die Gefangenen befreiten. Dieser befreite Überrest fürchtete die Rache Nebukadnezars, weil Ismael Gedalja, den von Nebukadnezar eingesetzten Statthalter, ermordet hatte. Als Ausweg sahen sie nur die Flucht nach Ägypten, anstatt auf Gott zu vertrauen und auf Jeremia zu hören, der vor diesem Weg deutlich gewarnt hatte (Jer 42).

Warum richtet Gott Jerusalem?

Jerusalem war die Stadt Gottes, dort wollte Er wohnen und an diesem Ort sollte sein Volk Ihn anbeten. Hier stand der Tempel des Herrn, so dass die Stadt nicht nur das politische Zentrum, sondern auch den geistlichen Mittelpunkt Israels bildete. Warum also setzt Gott diese Stadt seinem vollständigen Gericht aus? In den Klageliedern ist mehrfach von der Schuld Jerusalems und Judas zu lesen, von einer „Menge von Übertretungen“ (Kap. 1,5). Der Prophet Jeremia beschreibt detailliert diese Schuld des Volkes. Es ignorierte bewusst und hartnäckig die Anweisung Gottes umzukehren („allesamt sind sie die Widerspenstigsten der Widerspenstigen“; Jer 6,28). Lieber hörte das Volk auf Lügenpropheten, welche die Schuld unaufgedeckt ließen (vgl. Klgl 2,14). Schließlich muss Gott das Volk beugen, das sich nicht selbst beugen wollte. Israel sollte umkehren von seiner moralischen und politischen Hurerei. Die moralische Hurerei war der Götzendienst, den Israel bis zum babylonischen Exil gelebt hat (vgl. Jer 1,16). Götzendienst verstößt gegen das erste (!) der zehn Gebote. Politische Hurerei bedeutet, dass Israel, anstatt allein auf Gott zu vertrauen, immer wieder auf Bündnispartner gesetzt hat, andere Nationen, die ihnen helfen sollten. Diese „Freunde“ und „Liebhaber“ werden gleich zu Beginn der Klagelieder erwähnt (Klgl 1,2). Jetzt waren sie zu Feinden geworden. Mit dem Gericht Jerusalems bewahrheitet sich der Fluch von 5. Mo 28, der dem Volk Israel Gericht als Folge von Ungehorsam prophezeite. Das Gesetz von Saat und Ernte (Gal 6,7) wird hier drastisch veranschaulicht.

Referenztexte

Bei dem intensiven Studium eines Bibelbuches ist es lohnend, auf biblische Texte zu achten, die in einem Zusammenhang mit diesem Buch stehen. Dieser Zusammenhang kann inhaltlich oder auch formal sein. Folgende Tabelle soll dazu eine Anregung geben:

 

Referenztexte zum Buch Klagelieder

Zeitgenössische Propheten Jeremia Ankündigung des Gerichts über Jerusalem (Geschichtlich: Kap. 39 und 52: Einnahme und Zerstörung Jerusalems)
  Zephanja Weissagt über die Zerstörung Jerusalems
  Habakuk Gespräch mit Gott über das Volk Israel und den anstehenden Angriff der Babylonier (Chaldäer
  Hesekiel Prophet im Exil (in Babel) / Voraussage der Zerstörung Jerusalems
Geschichtliche Bücher 2. Könige 24 u. 25 Das Reich Juda bis zum babylonischen Exil
  2. Chronika 36 Das Reich Juda bis zum babylonischen Exil
Thematisch 5. Mose 28 Die Klagelieder zeigen die (Teil-)Erfüllung des in 5. Mo 28 angekündigten Fluches
  Psakmen; Prophetisch: Empfindungen der gläubigen Übriggebliebenen
Form Psalmen, Sprüche, Nahum Ps 9, 10, 25, 34, 37, 111, 112, 119, 145; Spr 31,10–31; Nah 1, 2–8 – Akrostichie (Erklärung s.u.)

 

Die poetische Struktur

Im Gegensatz zu anderen biblischen Büchern (mit Ausnahme der Psalmen) ist die Vers- und Kapiteleinteilung in den Klageliedern vom Text her vorgegeben, da die fünf Lieder eine feste poetische Struktur haben. Die Klagelieder sind in einer so genannten Alphabet-Akrostichie verfasst. Akrostichon heißt übersetzt „Versspitze“ oder „Versanfang“ und bedeutet, dass in einem Lied bzw. Gedicht die Anfangsbuchstaben oder Anfangsworte der einzelnen Verse nacheinander einen Satz oder ein Wort ergeben. Reiht man beispielsweise die Anfangsworte von Paul Gerhardts 12-strophigen Lied „Befiehl du deine Wege“ aneinander, so ergibt das ein Psalmwort: „Befiehl dem Herren dein’ Weg’ und hoff auf Ihn, er wird’s wohlmachen“ (Ps 37,5). Eine besondere Form des Akrostichons bilden Alphabetgedichte. In ihnen ergeben die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse das Alphabet. Das hebräische Alphabet hat 22 Buchstaben. In dem ersten, zweiten und vierten Kapitel der Klagelieder beginnt jeder der 22 Liedverse mit dem jeweils folgenden Buchstaben des hebräischen Alphabets (Aleph, Beth, Gimel …). Das dritte Kapitel hat den gleichen Aufbau, jedoch beginnen hier jeweils drei Verse mit dem gleichen Buchstaben. Das fünfte Kapitel ist eine Ausnahme, da es ohne alphabetische Anordnung ist. Durch die 22 einzeiligen Verse dieses Kapitels wird man aber an das hebräische Alphabet erinnert.

Die Beschreibung des Aufbaus der Klagelieder legt die Frage nahe, warum Gott gerade diese poetische Form gewählt hat. Der alphabetische Aufbau bietet beim Auswendiglernen eine Gedächtnisstütze. Bedeutender ist jedoch, dass Gott durch die Form auch eine inhaltliche Aussage macht. Zum einen drückt das Alphabet Vollständigkeit aus, der Verfasser zeigt, dass er sein Thema vollständig, d.h. von A bis Z bzw. von Aleph bis Taw, behandelt hat. Der Bibelausleger Ironside hat dazu einen treffenden Vergleich von Psalm 119 mit den Klageliedern gemacht (Ps 119 hat auch einen alphabetischen Aufbau): „In Psalm 119 wird jeder Buchstabe des Alphabets (das den ganzen Umfang der menschlichen Sprache repräsentiert) benutzt, um die Vollkommenheit des Gesetzes zu loben. In den Klageliedern wird jeder Buchstabe benötigt, um die Leiden auszudrücken, die der Missachtung und dem Brechen dieses Gesetzes folgen.“ 1 Vielleicht steckt ein weiterer Hinweis in dem poetischen Aufbau der Klagelieder: Gott zeigt, dass es trotz Zerstörung bei Ihm Ordnung gibt. Er steht über der Zerstörung Jerusalems und hat auch in der Zukunft einen Weg für sein Volk Israel. Denn genauso, wie sich seine Gerichtsankündigung erfüllt hat, wird sich auch seine Verheißung erfüllen: „Ja, mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dir fortdauern lassen meine Güte. Ich will dich wieder bauen, und du wirst gebaut werden, Jungfrau Israel!“ (Jer 31,3.4).

Philipp vom Stein

 

1 Die Dreiteilung des alttestamentlichen Kanons („Gesetz“, „Propheten“ und „Schriften“) wird vom Herrn Jesus in Lukas 24,44 bestätigt (die Psalmen stehen in diesem Vers als erstes und umfassendstes Buch der „Schriften“ stellvertretend für diese).

1 Ironside, Henry A.: „Notes on the Prophecy and Lamentations of Jeremiah“, S. 308.




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