Glaube im Alltag

Daniel und seine drei Freunde

Zu Beginn eine interessante Entdeckung, die für mich völlig neu und auch etwas überraschend war: Der Bericht im Buch Daniel verwendet nicht ein einziges Mal das Wort „Freund“, um die Beziehung zwischen Daniel, Hananja, Misael und Asarja zu beschreiben. Der Arbeitstitel für diesen Artikel lautete wie selbstverständlich „Daniel und seine drei Freunde“; und wahrscheinlich geht es dir ähnlich: Daniel und die drei anderen jungen Männer – das waren doch Freunde!

 

Eins steht sicher fest: Gemeinsam als Jugendliche aus der Heimat in ein fernes, fremdes Land entführt zu werden – das schweißt zusammen. Einzelheiten verschweigt uns der biblische Bericht, aber wir können vielleicht davon ausgehen, dass Daniel und die drei anderen jungen Männer schon auf der langen Wegstrecke nach Babylon (ca. 1000 Kilometer zu Fuß!) Kontakt zueinander hatten und sich „anfreundeten“. Eine „Schicksalsgemeinschaft“ ist aber noch lange keine Freundschaft und bleibt auch in der Anwendung auf unsere heutige Zeit festzuhalten: Ein gemeinsames Aufwachsen an einem Ort, der Besuch ein und derselben Jugendstunde oder die gemeinsame Zeit an einem Ausbildungs-/Studienort garantiert noch lange nicht das Entstehen einer echten Freundschaft im biblischen Sinn.1

 

Gemeinsam lernen (Daniel 1)

Daniel, Hananja, Misael und Asarja besuchten in Babel dieselbe „Schule“, wobei das gemeinsame Lernen unter einem negativen Vorzeichen stand: Als gottesfürchtige Israeliten wurden sie mitten in das götzendienerische, gottlose Umfeld des babylonischen Königshofes geworfen und haben gleich zu Beginn der „Schulzeit“ Farbe bekannt. Von Daniels Herzensentschluss wird direkt berichtet (Kap. 1,8), die drei anderen jungen Männer müssen aber dieselbe innere Einstellung und Entschiedenheit gehabt haben (Kap. 1,11.12). Gemeinsam begannen sie ihre Ausbildung am Königshof unter vermeintlich erschwerten Bedingungen (nur Gemüse und Wasser auf dem Speiseplan!), gemeinsam erlebten sie Gottes Segen beim Lernen und Studieren (Kap. 1,17) und gemeinsam bestanden sie die Abschlussprüfung mit Auszeichnung (Kap. 1,19.20).

Wie oft mögen sich die vier gegenseitig Mut gemacht haben – vielleicht so oder so ähnlich: „Lass uns durchhalten! Gott belohnt das Vertrauen auf ihn, ich habe gerade 1. Mose 15,1 gelesen!“ – „Ich kann mir die neuen Vokabeln erstaunlich gut merken, das Lernen fällt mir hier viel leichter als in Jerusalem …“ – „Heute habe ich über die Treue eines Kaleb gestaunt, ihn wollen wir nachahmen …!“

Wenn du (als junger Mann) einen Glaubensbruder oder (als Schwester) eine Christin in deinem Umfeld hast – mach dich auf, sei ein Daniel, sei ein Hananja! Stärkt euch die Hände zum Guten!

 

Gemeinsam beten (Daniel 2)

Grundlage für eine biblische Freundschaft muss die persönliche Beziehung zum lebendigen Gott sein – für uns heute bedeutet das: Du bist ein wiedergeborener Christ, dein/e Freund/in hat ebenfalls Leben aus Gott. Alles andere brauchst du gar nicht erst „Freundschaft“ zu nennen, denn es wird nur auf äußeren Gemeinsamkeiten/gemeinsamen Interessen basieren. Außerdem fehlt etwas ganz Entscheidendes: Ihr könnt nicht zusammen beten.

Daniel, Hananja, Misael und Asarja konnten zusammen beten und sie haben es getan. Wenn es uns in der schwierigen Drucksituation (Kap. 2,17.18) erstmalig berichtet wird, können wir mit Sicherheit davon ausgehen, dass die vier zu diesem Zeitpunkt nicht das erste Mal gemeinsam für bestimmte Anliegen gebetet haben. Einige Lektionen liegen auch für unser Miteinander als Freunde in diesem Abschnitt:

  • Daniel teilte die Sache seinen Freunden mit (Kap. 2,17): Nicht per WhatsApp (was damals technisch ohnehin nicht möglich war), sondern persönlich und entsprechend eindringlich. Wie oft verharmlosen wir das Mitteilen von echten Gebetsanliegen („Kannst ja mal mit dran denken!“ – „Dran denken“ können Ungläubige übrigens auch …) oder missbrauchen das Austauschen von Gebetsanliegen zur Befriedigung unserer Neugier nach interessanten Neuigkeiten. Oder – vielleicht noch fataler: Wir teilen uns unseren Freunden gar nicht mit; wir machen unser eigenes Ding. Schließlich wissen wir, wie es geht … Moment mal! Hatte Daniel nicht „Verständnis für alle Gesicht und Träume“ (Kap. 1,17)?! Warum denn dann noch gemeinsam für die Deutung dieses Traumes von Nebukadnezar beten?! Paul Gerhardt hat es in der Sprache seiner Zeit, aber treffend ausgedrückt: „Mit Sorgen und mit Grämen / und mit selbsteigner Pein (= eigener Anstrengung) / lässt Gott sich gar nichts nehmen / es muss erbeten sein.“
  • Gott beantwortet das Gebet derer, die (als Freunde, als Glaubensgeschwister) über eine Sache übereingekommen sind (vgl. Joh 14,13). Gott offenbarte das Geheimnis, nachdem die vier Freunde gebetet hatten („hierauf“, Kap. 1,19). Wenige Dinge verbinden uns auf dieser Erde so sehr miteinander wie ein gemeinsam auf den Knien erflehtes Wirken Gottes, ein gemeinsam erlebtes Erhört-Werden von Seiten Gottes (vgl. Joh 16,24)! (Natürlich ist diese prompte Erhörung eine besondere Gnade Gottes und kein Automatismus, wenn wir heute gemeinsam für ein Anliegen bitten.)
  • Daniel vergaß seine Freunde und Mitbeter auch nach der Erhörung des Gebetes nicht: In seinem Dankgebet (1,20-23) erwähnt er in sehr schöner Weise die drei anderen; er dankt Gott für das offenbarte Geheimnis und formuliert: „… was wir von dir erbeten haben; denn du hast uns die Sache des Königs kundgetan“ (Kap. 1,23b). Auch nach Daniels „großem Auftritt“, den er in Demut und Gottesfurcht absolviert hat, denkt er im Moment der größten Ehre und Belohnung an seine Mitstreiter und Freunde (Kap. 2,49).

 

Gemeinsam standhaft bleiben (Daniel 3)

Nun haben die vier jungen Männer gemeinsam gelernt und gemeinsam gebetet; Daniel mag zwar mehr im Vordergrund gestanden haben, aber die gemeinsamen Erfahrungen mit ihrem Gott sowie die identische Herzenseinstellung lässt die drei Freunde auch in Daniels Abwesenheit im Augenblick der größten Glaubensprüfung standhaft bleiben.

Die Begebenheit wird den meisten Lesern bekannt sein: Das große goldene Bild, das Nebukadnezar hat machen lassen, soll feierlich eingeweiht und in diesem Zuge angebetet werden. Sobald die Musik erklingt, sollen alle Anwesenden vor dem Bild niederfallen – als Zeichen der Anbetung (Kap. 3,7). Der „Haken“ an der Sache: Eine Verweigerung der Anbetung stand unter Todesstrafe (Kap. 3,6).

Nun standen die drei Freunde dort, mitten in der riesigen Menge angesehener Beamter und Würdenträger der Landschaft Babel. – Und sie blieben stehen! Was muss das für ein Anblick gewesen sein: Tausende Menschen fallen beim Einsetzen der Musik zu Boden und drei Männer bleiben stehen. Die Anzeige lässt nicht lange auf sich warten (Kap. 3,8-12) und der König Nebukadnezar – obwohl bereits „im Zorn und Grimm“ (Kap. 3,13) – gibt den dreien noch eine letzte Chance: „Ist es Absicht …?“, fragt er sie, verbunden mit dem Angebot, doch noch vor dem Bild niederzufallen. Lies die Antwort der drei Freunde (Kap. 3,16-18) selbst einmal nach und staune! Ihre standhafte Haltung lässt sich vielleicht mit folgender Aussage umschreiben: „Wer vor dem lebendigen Gott kniet, kann vor sterblichen Menschen stehen.“

Es ist ein riesiges Vorrecht, wenn man gemeinsam stehen kann. Die Welt um uns herum ist voll von oft sündigen, manchmal auch vermeintlich neutralen Bildern (oder Videos), vor denen die Masse ständig „niederfällt“. Die Musik dazu ertönt gewissermaßen aus jeder App des Smartphones und nicht nur die Generation der „digital natives“ ist im ständigen Modus des „Niederfallens“.

Wenn du den Herzensentschluss hast, standhaft zu bleiben, ist das die wichtigste Grundlage – und wenn du dann als Hananja noch einen Misael und/oder Asarja kennst, der auch stehen bleibt, dann danke Gott dafür und bleibt als Freunde gemeinsam stehen! Es wird den einen oder anderen in deinem/eurem Umfeld geben, der plötzlich den „vierten Mann“ im „Feuerofen“ entdeckt und ins Fragen bzw. Nachdenken kommt …

 

Sadrach, Mesach und Abednego antworteten und sprachen zum König: Nebukadnezar, wir halten es nicht für nötig, dir ein Wort darauf zu erwidern. Ob unser Gott, dem wir dienen, uns aus dem brennenden Feuerofen zu erretten vermag – und er wird uns aus deiner Hand, o König, erretten – oder ob nicht, es sei dir kund, o König, dass wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Bild, das du aufgerichtet hast, nicht anbeten werden.

Daniel 3,16-18

 



[1] Letztere kennt die Bibel übrigens nicht zwischen Mann und Frau (dafür hat Gott die Ehe eingerichtet, in der Mann und Frau „Freunde“ im tiefsten Sinn sein können und sollen), sondern unter Männern (Glaubensbrüdern) oder unter Frauen (Glaubensschwestern).