Glaube im Alltag

Mehr als Überwinder

Paulus nennt uns Gläubige Überwinder. Wir sind sogar mehr als Überwinder durch den Herrn Jesus, der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat. In Römer 8,37 lesen wir:

„Aber in diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat.“

In diesem Vers möchte ich den Schwerpunkt auf den Ausdruck „mehr als Überwinder“ legen. Dieser Ausdruck ist sehr bemerkenswert, und zwar aus wenigstens zwei Gründen:

  • Zum einen kommt er in dieser Zusammenstellung in der Bibel nur an dieser Stelle vor.
  • Zum anderen könnte man bei flüchtigem Lesen auf den Gedanken kommen, dass hier eine überflüssige Aussage vorläge. Hat ein Überwinder die Gefahr mit Gottes Hilfe nicht schon gemeistert, ist er nicht schon mit seinem Herrn über die Mauer gesprungen (Ps 18,30)?

Überwinder

Das Wort „Überwinder“ klingt altmodisch und ist heute weitgehend aus unserem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden. Ein Überwinder steht vor oder in einer schwierigen Situation und meistert sie mit der Hilfe des Herrn. Er springt mit seinem Gott über die Mauer (2. Sam.22,30).

Das griechische Wort für Überwinder „nikao“ kommt in der Bibel 28 Mal vor, der Herr Jesus selbst nutzt den Begriff mehrfach: „Seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden“ (Joh.16,33).[1]

 

Mehr als Überwinder

Was bedeutet es aber, „mehr als Überwinder“ zu sei? Vordergründig war Paulus sicher überwältigt von den Rettungen des Herrn. Wie oft hatte der Herr ihm in beinahe aussichtslosen Lagen geholfen! Insofern reichte es für ihn nicht aus, von „Überwinder“ zu sprechen, sondern eben von mehr.

Es gibt noch einen zweiten Gedanken: In Römer 8 geht es ab Vers 31 um die Größe der Liebe Gottes, die sich vor allem darin zeigt, dass Er seinen Sohn nicht verschont, sondern Ihn für uns alle hingegeben hat. Als Beweis seiner Liebe hat Gott den höchsten überhaupt möglichen Preis bezahlt, und das zu absolut unwürdigen Gegenständen, nämlich Sündern und Feinden (vgl. 1. Joh 4,9; Röm 5,8). Diese Liebe ist also so groß, dass wir völlig in ihr ruhen können. Auch Anklagen (V. 33), Verfolgungen (V. 35) und andere Umstände trennen uns nicht von ihr. Deswegen sind wir nicht nur Überwinder in diesen Umständen, sondern mehr als Überwinder, nämlich nicht solche, die in den Umständen kämpfen (um zu überwinden), sondern sogar darin ruhen und alles Gott und seiner Liebe überlassen können (deswegen „mehr“ als Überwinder).

Auch Apostelgeschichte 16 zeigt uns beispielhaft, was Paulus mit diesem „mehr als Überwinder“ meint.

 

Paulus und Silas in Philippi (Apg 16)

Entscheidend im Zusammenhang mit Römer 8, 37 ist der Vers 25 dieses Kapitels: „Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobsangen Gott; die Gefangenen aber hörten ihnen zu“ (Apg 16,25).

Doch schauen wir uns zunächst die Begleitumstände dieser Aussage an, weil wir dann besser verstehen, warum Paulus und Silas hier „mehr als Überwinder“ waren.

Paulus und seine Begleiter lebten während dieser zweiten Missionsreise in enger Gemeinschaft mit dem Herrn: Sie hatten mehrmals Wegweisung bekommen, wo sie (nicht) hinfahren sollten (V. 6.7). Jeden einzelnen Schritt wollten sie nicht allein, sondern in Abhängigkeit von ihrem Herrn gehen. Dann bekamen sie den Hilferuf des mazedonischen Mannes in einem Gesicht in der Nacht: „Komm herüber und hilf uns!“ (V. 9.10). Also machten sie sich auf die Reise. Es waren zwei Etappen über die Ägäis: erst auf die Insel Samothrace, dann nach Neapolis in Mazedonien. Von dort aus gingen sie dann noch ca. 20 Kilometer zu Fuß bis nach Philippi (V. 11.12).

In Philippi mögen sie sich zunächst gefragt haben, wo denn die Menschen waren, die Hilfe von ihnen erwarteten.  Sie trafen nur auf wenige gottesfürchtige Frauen am Fluss und auf Lydia, die sie beherbergte. Dann trat Satan auf den Plan, zunächst mit List durch die Wahrsagerin, dann griff er als brüllender Löwe zur Gewalt und ließ Paulus und Silas durch die Herren der Wahrsagerin zu den Vorstehern der Stadt schleppen. Ihre Ankläger warfen Paulus und seinen Begleitern vor, alles durcheinanderzubringen, Heiden und Juden gegeneinander aufhetzen und fremde Bräuche zu verkündigen. Die Hauptleute glaubten diesen ungerechtfertigten Anschuldigungen ungeprüft, sie hörten sich nicht die Gegenseite an. Es gab keinen Prozess und kein Gerichtsurteil. Und das, wohlgemerkt, unter römischem Recht!

Paulus und Silas wurden die Kleider ausgezogen, eine größere Schmach kann man sich kaum vorstellen! Und nicht nur das: Sie wurden mit Ruten geschlagen. Der Ausdruck „viele Schläge“ (V. 23) deutet auf die grausame und willkürliche Praxis der Römer hin: Während die Juden 40 Schläge weniger einen zählten, zählten die Römer nicht. Was für eine schreiende Ungerechtigkeit!

Der oberste Wächter sollte die Gefangenen Paulus und Silas sicher verwahren, d. h. er bürgte mit seinem Leben für die Gefangenen. Das sehen wir später bestätigt, als er sich beim Anblick der geöffneten Türen umbringen wollte.

Äußerlich war die Situation für die Diener des Herrn aussichtslos: Sie waren unschuldig gefangen im innersten, dunklen Gefängnis, ihre Füße im Stock, wund, mit starken Schmerzen, unfähig, sich zu befreien. Unter den damaligen Gefängnissen müssen wir uns im Übrigen nicht Justizvollzugsanstalten europäischer Prägung vorstellen. Kurzum: Die Gefängniszelle war doch der letzte Ort, von wo aus der Herr weiter durch Seine Diener wirken konnte, oder?

 

Paulus und Silas – mehr als Überwinder (V. 25)

Vor dem Hintergrund dieser aussichtslosen Situation zeigt sich tatsächlich dann, was „mehr als Überwinder“ bedeutet. Der erste Angriff war überwunden, ja, sie waren noch am Leben und hatte nicht nachgegeben, hatten für ihren Herrn Zeugnis abgelegt. Trotz des schreienden Unrechts und ihrer großen Schmerzen hatten sie überwunden.

Aber eben nicht nur das: Als sie um Mitternacht anfingen zu beten und zu singen, wurden sie mehr als Überwinder! Was hielt die beiden wach? Ihre Schmerzen, ihre Wut? Wie konnte das passieren? Sie waren doch so nahe beim Herrn, wollten nichts ohne Ihn tun (V. 6.7)! Das könnten wir gut nachvollziehen! Aber es war vor allem etwas anderes, etwas Höheres. Sie haben nicht sofort angefangen zu singen, sie waren Überwinder, ja, aber keine Übermenschen! Auch die Drangsal konnte sie nicht von der Liebe Christi trennen (Röm 8,35). Sie ruhten in der Liebe Gottes!

Dass die Beiden beteten, können wir noch nachvollziehen. Vielleicht wären wir in dieser Situation nach einiger Zeit auch dahin gekommen, zu Gott zu beten. Aber singen? Schien das nicht vollkommen unmöglich zu sein? Aber ja, sie konnten nun singen, weil sie ein „Ja“ zu Gottes Wegen mit ihnen gefunden hatten. Sie nahmen diese aus seiner Hand so an. Und allein Gott konnten sie um Befreiung bitten. Vielleicht haben sie auch an den Herrn gedacht und waren froh, dass sie Ähnliches erleben durften.

Und wer gab ihnen die Kraft zum Singen? Wer führte sie zu dieser Erkenntnis? Niemand anders als der Herr Jesus. Ja, sie waren mehr als Überwinder, durch den, der sie geliebt hat.

Die Bestätigung folgt auf dem Fuß, Paulus und Silas werden sofort für ihr Vertrauen belohnt, denn: „Die Gefangenen hörten ihnen zu.“ Dies war für die Insassen etwas völlig Neues und Unerwartetes! Im Gefängnis waren Leute, die menschlich gesprochen unter normalen Umständen das Evangelium nie gehört hätten. Es waren ja noch nie Christen im Gefängnis von Philippi. Wenn in diesem Gefängnis etwas zu hören war, dann waren das sicher Flüche, aber keine Gesänge (Hiob 35,10). Und: Die Gebete und der Gesang störten die Insassen nicht, man hätte erwarten können, dass die Verbrecher die Gesänge unterbrächen. Aber nichts davon, im Gegenteil: Sie hörten zu! Ob wir wohl den einen oder anderen von ihnen im Himmel wiedersehen werden?

 

Und wir?

Wir werden heute nicht mehr verfolgt, zumindest nicht in Westeuropa. Aber es gibt andere Schwierigkeiten in unserem Leben, aktuell das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. Wie können wir dann „mehr als Überwinder“ sein? Wir sollten dahin kommen, die Dinge auf dieser Erde von oben her zu sehen, darauf zu vertrauen, dass zuerst alles an unserem Gott und Vater vorbeiziehen muss. Wir können darauf vertrauen, dass Gott alles in seiner guten Hand hat. Wir können darauf vertrauen, dass Er mehr vorhat, als wir sehen können, dass uns alle Dinge zum Guten mitwirken (Röm.8,28). Wir können ein „Ja“ finden zu seinen Wegen. Wir können in seiner Liebe ruhen und vertrauen, dass Er alles sieht und uns liebt.

Der Herr hat gesagt: „Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir“ (Mt 11,26).

In Jesaja 55,9 lesen wir: „Denn wie der Himmel höher ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“



[1] Einige weitere Vorkommen: „und dies ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube“ (1.Joh.5,4.5). „Dem, der überwindet“ in allen Sendschreiben (Off 2); Röm.12,21: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.“ Im weltlichen Bereich ist die Bedeutung von nikao „siegen“.