Bibelstudium

Das Buch Hiob - Ein Überblick (Teil 1)

Folge 1: Kapitel 1 und 2

Das Buch Hiob zählt zu den Büchern der Bibel, die weniger gelesen werden. Oft beschränkt man sich auf die Leidensgeschichte Hiobs (Kapi­tel 1-2) und seine Wiederherstellung (Kap. 42). Die dazwischenliegenden 39 Kapitel, die die Reden von Hiobs drei Freunden, Elihu, von Hiob selbst und letztendlich auch Gottes Antwort enthalten, sollte man aber nicht übergehen. Sie sind interessant und lehrreich, enthalten viele praktische Lektionen und teilweise erstaunliche Tiefen. Auch für das Buch Hiob gilt ja: „Alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung ge­schrieben" (Röm 15,4). In dieser Betrachtungsreihe wollen wir zuerst das Buch als Ganzes kurz anschauen, bevor wir auf die einzelnen Abschnitte eingehen.

Thema

Das Thema dieses Bibelbuchs ist die Frage des Leidens anhand der Geschichte Hiobs. Obwohl Gott ihn als „vollkommen und recht­schaffen und gottesfürchtig und das Böse meidend" beschreibt (Kap. 1,1), wird er in große Leiden gestürzt. In den langen Reden, die den größten Teil des Buchs ausmachen, geht es letztendlich um die Frage nach dem Grund dieser Leiden. Ist Gott nun Hiobs Feind geworden? Hat sich Hiobs rechtschaffener Lebenswandel nicht ge­lohnt? Oder haben diejenigen Recht, die behaupten, Hiob habe etwas auf dem Kerbholz und erfahre nun seine gerechte Strafe?

Wir sehen, dass die im Buch Hiob geschilderte Thematik auch im Jahr 2014 nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Stellen wir bei Krankheiten oder anderen sogenannten Schicksalsschlägen nicht auch wie Hiob manchmal die Frage nach dem ‚Warum?" oder ha­dern sogar mit Gott? Einige erinnern sich vielleicht noch an das Unglück am Lagginhorn am 3. Juli 2012, als fünf Bergsteiger töd­lich verunglückten. Alle waren Christen, die ihren Glauben auch lebten. Warum mussten ausgerechnet diese sterben? Warum hat Gott das getan? Konnte Er das nicht verhindern? Wir beantworten diese Fragen nicht, sondern möchten einmal sehen, was Hiob, seine Freunde, Elihu und schließlich Gott selbst zu solchen Fragen sagen.

Stil

Wie die Psalmen, der Prediger, die Sprüche, das Lied der Lieder und die Klagelieder gehört auch das Buch Hiob zu den poeti­schen Büchern des Alten Testaments. Das bedeutet, dass das Buch in Gedichtform geschrieben ist; lediglich die Kapitel 1-2 und 42 sind in Prosa verfasst. Allerdings unterscheidet sich die Lyrik des Alten Testaments stark von der Gedichtform, wie sie im Deut­schen üblich ist. Einen Reim, d.h. Vers-Enden mit ähnlichen Silben, findet man im hebräischen Urtext nicht. Stattdessen besteht die damalige Lyrik in ihrer Grundstruktur meistens aus einem Vers mit mindestens zwei parallelgestellten Verszeilen. Man nennt die­se Struktur „parallelismus membrorum", d.h. Entsprechung von Verszeilen. Die einzelnen Verszeilen werden miteinander durch sinnverwandten Inhalt verbunden. Dafür wurde der Begriff „Ge­dankenreim" geprägt.

Es können verschiedene Arten von Parallelismen unterschieden werden:

  • Synonymer Parallelismus: Hier wird in den parallelen Verszei­len derselbe Gedanke mit anderen Worten ausgedrückt, z. B. in Psalm 19,8 oder Psalm 119,105.
  • Antithetischer Parallelismus: Dem in der ersten Verszeile aus­gedrückten Gedanken wird hier in der zweiten ein Kontrast gegenübergestellt, z. B. Sprüche 28,13 oder Psalm 119,67.
  • Synthetischer Parallelismus: Hier wird der Gedanke der ersten Verszeile durch eine oder mehrere parallele Verszeilen er­gänzt, z. B. Psalm 119,9 oder Sprüche 4,18.

Neben diesen drei Grundtypen können noch verschiedene Vari­anten unterschieden werden.

Die rhythmische Struktur ist ebenfalls von der deutschen oder auch der altgriechischen Dichtung verschieden. So spielt für die althebräische Poesie nur die Anzahl der betonten Silben, nicht aber der unbetonten eine Rolle. Dies hat eine sehr große Freiheit im Ausdruck zur Folge.

Fiktion oder Realität?

Einige Bibelkritiker stellen das Buch Hiob als Fiktion hin. Doch wer genauer hinschaut, stellt fest, dass Hiob tatsächlich gelebt hat. Darauf deutet z.B. Kapitel 1,1 hin: „Es war ein Mann im Land Uz, sein Name war Hiob ..." Außerdem wird Hiob auch an an­deren Stellen der Bibel erwähnt und zwar sowohl im Alten (z.B. Hes 14,14.20) als auch im Neuen Testament (z.B. Jak 5,11). Trotz poetischer Sprache halten wir an der historischen Echtheit des Buches Hiob fest.

Autor und Entstehungszeit

Der Autor des Buchs Hiob ist unbekannt. Im Talmud1 wird die Autorenschaft Mose zugeschrieben, was aber nicht erwiesen ist.

Vertrauenswürdige Ausleger [3] legen Fremdworte, die im Text an das Aramäische erinnern, als chaldäische Teile aus und datie­ren das Buch als sehr alt. Fest steht, dass die im Buch geschilder­ten Begebenheiten in der Zeit vor Abraham stattgefunden haben müssen; dafür gibt es folgende Hinweise:

  • Das Alter Hiobs. Hiob hatte bereits zehn erwachsene Kinder, lebte aber nach den Begebenheiten noch 140 weitere Jahre (Kap. 42,16).
  • Das Klima. Wir lesen mehrmals von Schnee und Eis (Kap. 37,6.10; 38,22), was auf ein deutlich kälteres Klima als heute und in der jüngeren Vergangenheit hindeuten könnte.
  • Die geschilderten, prähistorischen Tiere wie Seeungeheu­er (Kap. 7,12; 26,13), Behemot (Kap. 40,15fF.) oder Leviatan (Kap. 40,25ff.) werden von manchen Auslegern den Dinosau­riern zugeordnet; die Geschichte könnte sich dann sehr bald nach der Sintflut ereignet haben.
  • Hiob ist Priester der Familie, so wie die Patriarchen.
  • Als Zahlungsmittel wird die Kesita verwendet (Kap. 42,11). Diese Währungseinheit finden wir sonst nur beim Kauf eines Felds durch Jakob (1. Mo 33,19; Jos 24,32).
  • Es werden keine Ereignisse geschildert, die später als 1. Mose 11 geschehen sein können.

Die Erzählung ist somit sehr alt. Manche denken allerdings, dass in der Sprache Einflüsse des Aramäischen erkennbar sind, sodass nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Text selbst erst in späteren Jahren niedergeschrieben worden ist.

Einteilung des Buchs

Wie bereits erwähnt, besteht das Buch aus einer in Prosa verfass­ten Rahmenerzählung (Kap. 1; 2; 42) und den in lyrischer Dich­tung verfassten, dazwischenliegenden Reden. Diese lassen sich anhand der jeweils redenden Personen in verschiedene Mono­loge sowie Redezyklen, in denen alle Anwesenden nacheinander sprechen, gruppieren. Daraus ergibt sich folgende Aufteilung:

  • Hiob 1-2: Bericht — Prolog
    • Hiob 1: Erste Versuchung Hiobs
    • Hiob 2: Zweite Versuchung Hiobs
  • Hiob 3-31: Reden und Dialoge Hiobs und der drei Freunde
    • Hiob 3: Klage Hiobs
    • Hiob 4-14: Erster Redezyklus
    • Hiob 15-21: Zweiter Redezyklus
    • Hiob 22-26: Dritter Redezyklus
    • Hiob 27-31: Schlussworte Hiobs
  • Hiob 32-37: Die Reden Elihus
  • Hiob 38,1-42,6: Der HERR redet mit Hiob
  • Hiob 42,7-17: Bericht — Epilog
    • Hiob 42,7-9: Gottes Urteil über die drei Freunde Hiobs
    • Hiob 42,10-17: Hiobs Wiederherstellung

Bericht — Prolog

Bevor wir in den nächsten Folgen auf die einzelnen Reden und Gespräche eingehen, wollen wir uns die Vorgeschichte etwas näher ansehen. Auch wenn der Rahmen-Bericht zu den bekann­teren Teilen des Buchs Hiob gehört, lohnt es sich doch, einige Abschnitte etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Die erste Versuchung Hiobs

Zu Beginn des Buchs wird zunächst in den Versen 1-5 die Per­son Hiobs vorgestellt. Wichtiger als sein materieller Reichtum ist sicher die Tatsache, dass er „vollkommen und rechtschaffen und gottesfürchtig und das Böse meidend" war. Dies ist hier übrigens nicht etwa Hiobs Meinung über sich selbst, sondern Gottes Urteil. Hiob ist folglich ein Gerechter in einer ungerech­ten Umgebung, so wie wir es heute auch sein sollen. Auch ist bemerkenswert, dass die geistliche Fürsorge für seine Kinder einen hohen Stellenwert in seinem Leben einnahm (V. 5); ein Punkt, in dem sich gläubige Eltern Hiob zum Vorbild nehmen können.

In dem folgenden Abschnitt (Kap. 1,6-12) nimmt uns der Er­zähler mit in den Himmel und schildert dort eine interessante Begebenheit. Wir sehen Gott, die „Söhne Gottes" und den Satan miteinander im Gespräch. Mit „Söhnen Gottes" sind an dieser Stelle Engel gemeint (vgl. 38,7; 1. Mo 6,2.4). Satan hat Zutritt zum Himmel. Er beobachtet die Gläubigen. Das ist auch heute noch so; erst einige Jahre nach der Entrückung wird er aus dem Himmel auf die Erde geworfen (Off 12,8.9). Er beobachtet die Gläubigen, kann jedoch nichts tun, was Gott ihm nicht erlaubt. Bei genauerem Hinsehen stellt man sogar fest, dass die ganze Initiative hier von Gott ausgeht und nicht etwa von Satan. Gott selbst ist es, der Satan erst auf Hiob aufmerksam macht (V. 8). Es ist ganz klar, dass Gott der Handelnde ist und Satan nur Mit­tel zum Zweck. Auch wenn es vielleicht schwer zu verstehen ist: Sogenannte „Unglücke" lässt Gott nicht nur zu, so als ob Er den Forderungen Satans nachgeben würde, sondern Er ist stets der Handelnde (vgl. Amos 3,6 „geschieht ein Unglück in der Stadt, und der HERR hätte es nicht bewirkt?"). Er ist immer der abso­lut souveräne Gott, der über allem steht, und Satan ist nur ein Werkzeug in Gottes Hand, um seine Pläne auszuführen. Der wei­tere Verlauf des Buchs wird das noch deutlicher zeigen.

Satan schlug zu. Hiob verliert an einem Tag seine Habe und zu­sätzlich seine zehn Kinder. Eine unvorstellbare Situation. Doch wie reagiert Hiob auf diese „Hiobsbotschaften"? Zuerst einmal betet Hiob an (V. 20). Das ist angesichts der gerade eingetretenen Ka­tastrophen besonders bemerkenswert. Hiob sündigt nicht und schreibt Gott nichts Ungereimtes zu (V. 22). Dadurch wird Hiob zu einem Vorbild für uns ( Jak 5,11). Hiob nimmt auch alle Ereignisse aus Gottes Hand entgegen; die Werkzeuge, die Gott gebraucht (z.B. die Sabäer) oder Satan erwähnt er überhaupt nicht. Damit ist der erste Angriff Satans gescheitert. Seine These, dass Hiob sich of­fen von Gott lossagen würde (V. 11), hat sich nicht bewahrheitet.

Die zweite Versuchung Hiobs

Die zweite Versuchung Hiobs beginnt wieder mit einer Szene im Himmel, die mit derjenigen aus dem ersten Kapitel fast identisch ist. Wieder geht die Initiative von Gott aus (Kap. 2,2). Wie die fol­genden Verse zeigen, kann Satan wiederum nichts ohne die Zu­stimmung Gottes tun. Er kann auch nicht Hiobs Leben angreifen (V. 6); Gott ist und bleibt Herr über Leben und Tod.

Nun wird Hiob selbst direkt körperlich angegriffen (V. 7). Nach den vier materiellen Katastrophen aus Kapitel 1 lernt Hiob nun körperliche Leiden kennen. — Seien wir dankbar für unsere Ge­sundheit, sofern sie uns geschenkt ist!

In den Versen 9-10 muss Hiob mit einer weiteren Schwierigkeit fertig werden. Seine Frau versagt als seine Hilfe und wird seine Versucherin. Hiob übersteht auch diese Prüfung; er nimmt auch diesmal das Unheil aus der Hand Gottes an. Allerdings klingt es hier wie eine leichte Einschränkung: Er sündigte nicht „mit seinen Lippen" (V. 10). Vielleicht war es mit den Gedanken Hiobs zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr ganz in Ordnung. Auffällig ist auch, dass Hiob nicht mehr anbetet, was als Rückschritt gegen­über Kapitel 1,20 gewertet werden kann. Wir sollten aber an dieser Stelle mit Kritik sehr zurückhaltend sein. Auch wenn die geistliche Kraft Hiobs hier schwächer zu sein scheint als nach den ersten Prüfungen, so finden wir in Gottes Wort keine Kritik, son­dern nur Lob („er sündigte nicht mit seinen Lippen").

Satan ist nun geschlagen. Seine Argumente sind widerlegt worden. Seine Mittel sind erschöpft und daher hören wir nichts mehr von ihm. Hiob hingegen wird von Gott vor Satan vollkommen gerecht­fertigt. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass es Gott vorrangig nicht um Satan und dessen Ideen geht. Wäre es Gott nur darum gegangen, vor Satan den sündlosen Wandel Hiobs zu beweisen, hätte Er die Plagen an dieser Stelle bereits aufheben können. Gott hatte aber einen Plan mit Hiob, der noch nicht zu Ende war. In die­sem Plan hatte Er Satan, wie bereits erwähnt, nur zu Beginn als ein einfaches Werkzeug eingesetzt. Gott hatte die Tiefen des Herzens Hiobs noch nicht erreicht. Hiob kannte sich selbst und Gott noch nicht gut genug. Gott wollte, dass Hiob Ihn besser kennen lernte, dass die Verbindung zwischen Ihm und Hiob noch enger würde und daher konnte Er die Umstände Hiobs noch nicht ändern. Gott hatte mit Hiob noch sein eigenes Werk zu vollbringen; dies wird in den folgenden 39 Kapiteln beschrieben.

In den letzten drei Versen des zweiten Kapitels treten die Freun­de Hiobs auf. Vermutlich waren sie wie Hiob gottesfürchtig, je­denfalls lassen die späteren Reden darauf schließen. Es folgt ein durchaus positiver Bericht über die Freunde; ihr Trauer-Verhalten kann für uns absolut als Vorbild dienen: „Weint mit den Weinen­den (Röm 12,15).

Fazit

Aus den ersten beiden Kapiteln lernen wir, dass alles von Gott ausgeht. Auch Schwierigkeiten, ja sogar Katastrophen gehen von Ihm aus, denn Er steht souverän über allem. Auch Satan als der Ausführende ist nur ein Werkzeug in der Hand unseres allmäch­tigen Gottes. Am Ende der beiden Kapitel ist Satan geschlagen; seine These, mit der er Hiob vor Gott verklagte, wurde wider­legt. Gott hat aber einen größeren Plan mit Hiob, Er will sein Herz erreichen. Wie dies geschieht und was dabei in den Herzen der einzelnen Personen vorgeht, werden wir in den nächsten Folgen sehen.


Literaturverzeichnis

[1] E. Bonsels, Geläutert im Schmelztiegel Gottes, http://www.bibelkommentare.de

[2] J. N. Darby, Betrachtung über das Buch Hiob (Synopsis), http://www.bibelkommentare.de

[3] A. C. Gaebelein, Kommentar zum Alten Testament, Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2003

[4] J. B. Stoney, Die Erziehung in der Schule Gottes, http://www.bibelkommentare.de

Fußnoten

1 Der Talmud ist eine von jüdischen Rabbinern in den ersten Jahrhunderten nach Christi verfasste Auslegung des Gesetzes.




Elberfelder Übersetzung

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