Bibelstudium

Die Ouvertüre des Apostels Johannes

Eine Ouvertüre (aus dem franz.: ouverture - Eröffnung) ist in der Musik ein Instrumentalstück, das große Werke wie z.B. eine Oper, ein Ballett oder auch ein Konzert einleitet. In der Oper wird die Ouvertüre bei noch geschlossenem Vorhang gespielt und sie stellt in der Regel wesentliche Elemente der Handlung sowie hervorstechende Charakterzüge der handelnden Personen musikalisch vor. Nun hat der Apostel Johannes kein musikalisches Werk komponiert, aber das erste Kapitel seines Evangeliums ist wie eine Text-Ouvertüre, die in göttlicher Weise einige wesentliche Grundzüge des Johannes-Evangeliums vorstellt.

 

Der Eröffnungsakkord

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (V. 1). Was für ein gewaltiger Eröffnungsakkord! Der Geist Gottes führt uns gedanklich in die vergangene Ewigkeit zurück. Egal welchen Anfang man sich erdenken mag, Jesus Christus, das Wort, war bereits da. Er war bei Gott – eine Person, die innerhalb der Gottheit unterschieden wird. Und Er selbst war Gott. Es sind ganz einfache Worte, mit denen Johannes beginnt. Aber gleichzeitig sind es Worte, deren Tiefe kein Mensch ergründen kann. Der ewig existierende Gott offenbart sich in seinem Sohn. Das ist das große Thema von Johannes.

 

Licht – Leben – Liebe

Dann stellt uns der Schreiber drei wesentliche Eigenschaften Gottes vor: Licht, Leben und Liebe. Diese drei Charakterzüge ziehen sich wie ein roter Faden durch die Schriften des Apostels Johannes. Der Herr Jesus ist das wahrhaftige Licht, das jeden Menschen erleuchtet (V. 4.9). Leider hat die Finsternis in der Welt das göttliche Licht nicht erfasst, sondern den Sohn Gottes auf ganzer Linie abgelehnt. (V. 10.11) Christus ist außerdem Leben, das ewige Leben (V. 4). Und zuletzt weist Johannes auf die Fülle hin, aus der sie „Gnade um Gnade empfangen“ haben (V. 16) – ein Ausdruck seiner Liebe. Diese drei Begriffe sind wie Überschriften über drei Teile des Johannes-Evangeliums: Die Kapitel 3-7 stellen im Wesentlichen das Thema „Leben“ vor, die Kapitel 8-12 das Thema „Licht“ und die Kapitel 13-19 das Thema „Liebe“.

 

Gott kommt zu uns Menschen

Der „Eröffnungsakkord“ stellt uns vor, was der Herr Jesus von Ewigkeit her war, ist und immer sein wird – nämlich der ewige Sohn Gottes (V. 1). Im weiteren Verlauf wird deutlich, was Er geworden ist: Er wurde Mensch. „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns … voller Gnade und Wahrheit“ (V. 14). Wieder ein Gedanke, der unser Fassungsvermögen übersteigt. Der ewige Sohn Gottes kommt aus der Ewigkeit zu uns Menschen in unsere Zeit. Auch das ist ein großes Thema des Johannes, das sich durch das ganze Evangelium zieht: Gott kommt zu uns Menschen, ganz persönlich. Und so begegnete Er Petrus, Philippus, Nathanael, Nikodemus, der Frau am Jakobsbrunnen und vielen mehr. Und am Kreuz auf Golgatha hat Er in vollkommener Weise Gnade und Wahrheit miteinander verbunden. Gemäß der Wahrheit und Heiligkeit Gottes hat Er das Gericht für die Sünde erduldet und uns damit in den Genuss der göttlichen Gnade gebracht.

 

 

 

Ein Rückblick ist ein Vorausblick – auf Christus

Wenn die Israeliten zur Zeit des Alten Testamentes das Zelt der Zusammenkunft betraten, mussten sie durch den prächtigen Vorhang treten, der das Eingangstor zum Vorhof bildete. Dieser Vorhang war ein Kunstwerk aus verschiedenen Stoffen in vier verschiedenen Farben. Dieser Rückblick in die Geschichte ist gleichzeitig ein Vorausblick auf Christus. Denn in den vier Farben werden uns symbolisch vier Herrlichkeiten des Sohnes Gottes angedeutet, die wir alle in Johannes 1 wiederfinden:

  • Der blaue Purpur spricht bildlich von der himmlischen Herkunft des Herrn Jesus. Wir lesen: „Das Wort war bei Gott … Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns … Der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht“ (V. 1.14.18).
  • Der rote Purpur war zur damaligen Zeit die Kleidung der Könige und er deutet somit auf das Königtum des Herrn Jesus hin. Nathanael stellte bewundernd fest: „Rabbi, du bist der König Israels“ (V. 49)
  • Die rote Farbe des Karmesins wurde aus Insekten gewonnen, die dazu zerstoßen wurden und dabei rote Farbe freigaben. Somit weist dieser Stoff auf den Tod des Herrn Jesus hin.1 Johannes der Täufer rief beim Anblick des Sohnes Gottes aus: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt“ (V. 29).
  • Gezwirnter Byssus war ein sehr hochwertiger, extrem fein gewebter und rein weißer Stoff. Hierin sehen wir ein Bild der Heiligkeit des Sohnes Gottes als Mensch. Johannes der Täufer sah, wie der Heilige Geist herniederfuhr und auf Ihm blieb (V. 32).

So wie der herrliche Eingangsvorhang im Zelt der Zusammenkunft der Weg in die Gegenwart Gottes war, so stellt uns der Geist Gottes dies auch im Johannes-Evangelium vor. Hier treten wir ebenfalls in einen Bereich ein, in dem Gott in ganz besondere Weise seinen Sohn und dessen Herrlichkeiten vorstellt. Die „Ouvertüre“ stellt direkt die Hauptperson vor: Jesus Christus, den Sohn Gottes.

 

Christus – die Offenbarung Gottes

Bis zur Menschwerdung des Herrn Jesus war Gott nicht vollständig offenbart. Niemand kann Gott sehen und leben (2. Mo 33,20). Er bewohnt ein unzugängliches Licht (1. Tim 6,16). Aber dann kam ein Zeitpunkt, an dem Gott sich uns Menschen offenbarte. Und das tat Er, indem Er seinen eigenen Sohn als Mensch auf die Erde sandte. In Ihm hat Gott uns sein ganzes Wesen und seine Person gezeigt: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht“ (V. 18). Später sagte der Herr Jesus zu Philippus: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Kap. 14,9). Oder anders ausgedrückt: Wer den Herrn Jesus betrachtet, sieht direkt Gottes Wesen als Vater. In Ihm können wir erkennen, dass Gott Licht und Liebe ist – mit allen Facetten, die dazugehören. Jesus Christus ist die „Ausstrahlung der Herrlichkeit Gottes und der Abdruck seines Wesens“ (Heb 1,3). Das muss uns einfach zur Anbetung bringen.

 

Verwerfung und Annahme

Im Johannes-Evangelium lernen wir, dass der Herr Jesus von Anfang an abgelehnt wurde. Und das galt sowohl für die Menschen im Allgemeinen als auch besonders für das Volk Israel: „Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht. Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Kap. 1,10.11). Auf der anderen Seite gab es aber auch einige Wenige, die Jesus Christus im Glauben annahmen. So heißt es in Vers 11 weiter: „… so viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Verwerfung und Annahme sind wieder zwei wesentliche Elemente, die diese „Ouvertüre“ aufgreift und die im weiteren Bericht vertieft werden. Besonders Johannes berichtet, wie böse die Juden den Heiland in seinen Worten und Werken ablehnten, aber wie es doch gleichzeitig auch immer wieder Einzelne gab, die Ihn als Sohn Gottes erkannten und annahmen.

 

„Siehe, das Lamm Gottes!“

In der Zeit des Alten Testamentes fragte Isaak seinen Vater Abraham: Wo ist das Schaf (oder: Lamm) zum Brandopfer? (1. Mo 22,7) Seit dieser Fragestellung waren viele Jahrhunderte verflossen, in denen Tausende und Abertausende Lämmer geopfert wurden. „Doch in jenen Opfern ist alljährlich ein Erinnern an die Sünden; denn unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden wegnehmen“ (Heb 10,3.4). Die Frage von Isaak stand viele Jahrhunderte lang unbeantwortet im Raum. Wo ist das Lamm? Und nach einer langen Zeit des Schweigens vonseiten Gottes kam der Wegbereiter des Messias mit einer Botschaft Gottes an die Menschen. Und er rief aus: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (V. 29). Er hatte durch eine Offenbarung Gottes (V. 33.34) erkannt, dass dieser äußerlich unscheinbare Mensch Jesus der Sohn Gottes und das Lamm Gottes war. Und er wies die Menschen auf Ihn hin: Seht, da ist Er! Dieser ist der Eine, ja der Einzige, der wirklich die Lösung für das bis dahin unlösbare und tödliche Problem der Sünde hatte. Er war das Lamm, das den Sühnetod sterben musste. So klingt in dem Gedanken des Lammes Gottes der Tod des Herrn Jesus auf Golgatha deutlich wahrnehmbar an, wo der Heiland für die Sünde sein Leben freiwillig und gehorsam gab (vgl. Jes 53).

 

 

 

Prophetische Vorausschau

Ganz bemerkenswert ist die Tatsache, dass hinter vielen von Johannes berichteten historischen Begebenheiten eine prophetische Dimension liegt. So zeigen die Abfolge und die Inhalte der geschichtlichen Ereignisse wesentliche Elemente des Heilsplans Gottes mit den Menschen. Und auch diesen Aspekt lässt die „Ouvertüre“ eindrucksvoll anklingen. So beschreibt Johannes 1,19-34 wie der Herr Jesus damals zu seinem irdischen Volk der Juden kam. Das Werkzeug war Johannes der Täufer, der als Wegbereiter Christi diente und das Volk auf den kommenden Messias vorbereitet hatte. Christus kam, um „Israel offenbar“ zu werden (V. 31).

In den Versen 35-42 stellt Gott uns prophetisch vor, wie Jesus Christus zu den Nationen kommt. Hier wird also prophetisch die Zeit der Versammlung (Gemeinde) angedeutet, in der wir heute leben. In diese Epoche ist der Herr Jesus der Mittelpunkt der Gläubigen und die Menschen kommen durch ein persönliches Zeugnis in Kontakt mit dem Heiland und werden ein Stein im Haus Gottes (Kephas – Stein, V. 42).

Die Verse 43-51 beschreiben in dieser prophetischen Schau die heute noch zukünftige Zeit, in der die gläubigen Juden – dargestellt in Philippus und Nathanael aus Galiläa –nach einigen Zweifeln schließlich doch ihren Messias, den König Israels, im Glauben annehmen werden.

Abschließend stellt uns Kap. 2,1-11 den Segen des 1000-jährigen Reiches vor. Diese Epoche wird dadurch geprägt sein, dass es den vollen Segen nicht aufgrund irdischer Beziehungen (Jesus – Mutter Maria) oder dem Halten von formellen Riten (Reinigungssitten), sondern allein durch die glaubensvolle Hinwendung zu Christus geben wird.

 

Kinder Gottes

Während die Apostel Paulus und Petrus die Christen schwerpunktmäßig unter dem Aspekt des Leibes, des Hauses oder der Braut sehen, stellt der Apostel Johannes die Versammlung (Gemeinde) immer als Familie Gottes dar. (Dies ist übrigens ein wichtiger Schlüssel zum richtigen Verständnis der Schriften des Johannes in Bezug auf die Versammlung, wobei er auf direkte Weise von ihr nur sehr selten spricht: 3. Joh; Off 2.3.22.) Auch dieser Gedanke wird in Kap. 1,12 angedeutet: „… denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Der Glaube an den Herrn Jesus ist die Bedingung dafür, um ein Kind Gottes zu werden und somit zur Familie Gottes zu gehören.

 

Christus – ewig und doch so nahbar in der Zeit

Auch wenn uns die Einleitung vorausschauend auf das ganze Buch den Herrn Jesus so groß und erhaben als den ewigen Sohn Gottes vorstellt, zeigt Johannes Ihn gleichzeitig als nahbaren Menschen. Gerade im Johannes-Evangelium wird uns offenbart, wie der Heiland sich ganz persönlich um einzelne Menschen und ihre inneren und äußeren Bedürfnisse kümmert. Dieser Themenkreis klingt ebenfalls in der „Ouvertüre“ an: Der Herr Jesus begegnete Andreas, Johannes, Simon, Philippus und Nathanael. Und es sind Begegnungen, die von tiefer Liebe und Wärme geprägt sind. Diese Zugänglichkeit des Herrn für jeden Menschen zieht sich durch bis ins letzte Kapitel.

 

Ihr werdet Größeres sehen

Nathanael war zu Recht tief beeindruckt von der Allwissenheit Jesu. Und diese aufrichtige Bewunderung bringt ihn zu der Erkenntnis: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels“ (V. 49). Seit vielen Jahrhunderten erwarteten die gläubigen Juden den Messias. Und nun war Er da. Was konnte es Größeres für einen gottesfürchtigen Juden der damaligen Zeit geben? Aber der Herr Jesus antwortete: „Du wirst Größeres als dieses sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmer geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- -und niedersteigen auf den Sohn des Menschen“ (V. 50.51). Das, was Nathanael erkannt hatte, war erst der Anfang. Gottes Heilsplan war noch nicht zu Ende – im Gegenteil: Der Herr Jesus war gekommen, um Größeres als „nur“ Allwissenheit zu zeigen, mehr als Messias der Juden zu werden. Der Sohn Gottes kam, um „die zerstreuten Kinder Gottes in eins“ zu versammeln, um der Wahrheit Zeugnis zu geben, um uns Menschen den Weg ins Vaterhaus zu bereiten (Joh 11,52; 18,37; 14,1-3). Alles das und noch viel mehr, ist Thema des Johannes-Evangeliums.

 

Im Anschluss an die Ouvertüre

Du bist eingeladen, das ganze herrliche Panorama des göttlichen Heilsplans zu betrachten und zu bewundern. Es zeigt sich in der Person seines geliebten Sohnes Jesus Christus, dem Lamm Gottes. Er allein ist Dreh- und Angelpunkt der Gedanken Gottes. Allein durch den Herrn Jesus Christus und sein Sühnungswerk von Golgatha steht uns der Himmel offen!

 

 

 

 

 

 

[1] Manche Bibelausleger verbinden das Karmesin (auch Scharlach genannt) mit der königlichen Herrlichkeit des Messias. Denn nur im Evangelium nach Matthäus ist der Mantel, dem man dem Herrn zum Spott anlegte, scharlachrot (Kap. 27,28) - und nicht aus Purpur wie in Markus 15,7 und Johannes 19,2