Personen der Bibel
Habakuk - Aus der Krise zum Lobpreis
Bei den meisten kleinen Propheten steht die Botschaft Gottes im Vordergrund. Bei zweien liegt der Fokus jedoch auf der Entwicklung des Propheten, nämlich bei Jona und Habakuk. Die Entwicklung bei Jona wird durch seine Erlebnisse dargestellt, während bei Habakuk ein erstaunlicher Dialog zwischen dem Propheten und seinem Gott beschrieben wird – mit dem Ergebnis, dass Habakuk aus der Krise zum Lobpreis kommt. (Der Bibeltext ist übrigens nicht lang – vielleicht schaffst du es ja, ihn vorher durchzulesen?)
1.Kapitel 1,1-4 Habakuk: Du (er-)hörst nicht!
Nach der knappen Überschrift kommt Habakuk sofort zu seinem Problem: Er ruft schon lange zu Gott, doch Gott scheint nicht zu hören. Kennst du das auch? Bringst du ein Gebetsanliegen schon seit Jahr und Tag vor den Herrn und es passiert – nichts? Hört Gott wirklich nicht?
Der zweite Teil von Vers 2 geht noch ein Stück weiter: Er schreit, aber Gott rettet nicht. Hier sagt Habakuk nicht mehr, dass Gott nicht hört, sondern dass Er nicht rettet – Er erhört also (scheinbar? noch?) nicht. Das kann uns auch passieren. Wir beten und beten und sind überzeugt, dass Gott hört, aber Er scheint zu schweigen. Das kann uns große Mühe bereiten. Habakuk tut hier das einzig Richtige: Er breitet seine Verzweiflung vor Gott aus.
In den Versen 3 und 4 wird er konkret. Er nennt die Dinge, die ihm Mühe machen: Gewalt, Streit und Hader. Aber in Vers 4 geht er weiter und spricht von dem, was Gott betrifft: Das Recht und das Gesetz, die Gott gegeben hat, werden im Volk Gottes verdreht. Dadurch kommt der Gerechte in Bedrängnis und Gott selbst wird verunehrt.
Wie sehen meine Fragen und Klagen aus? Bleibe ich bei den Nöten stehen, die mich betreffen? Natürlich dürfen und sollen wir sie vor Gott ausbreiten. Aber habe ich auch ein Empfinden dafür, was Gott betrifft? Treibt es mich auch ins Gebet, wenn Gott verunehrt wird, oder kenne ich nur meine eigenen Probleme?
Übrigens ist Habakuk mit seinen forsch formulierten Warum-Fragen nicht allein. Ein weiteres Beispiel ist Gideon in Richter 6,13: „Bitte, mein Herr, wenn der Herr mit uns ist, warum hat denn dies alles uns betroffen? Und wo sind alle seine Wunder, die unsere Väter uns erzählt haben?“ So deutlich Habakuk und Gideon ihre Fragen auch formulieren, ihre Worte sind nicht unehrerbietig; vielmehr sind sie Ausdruck eines aufrichtigen Ringens mit Gott. Ich wünsche mir mehr von der Freimütigkeit dieser Männer Gottes.
2.Kapitel 1,5-11 Gott: Es wird schlimmer!
Gottes Antwort auf die Klage des Propheten überrascht. Man hätte Trost erwartet, eine Antwort, die ihm Hoffnung gibt. Doch Gott sagt in Kurzform: Ich werde handeln, aber durch ein schlimmeres Volk (die Chaldäer) als die Gottlosen in deinem Volk.
Warum diese so hart klingende Antwort Gottes?
- Gott macht deutlich, dass Habakuk im Blick auf die Sünden des Volkes genauso denkt wie Er. Diese Übereinstimmung wird einerseits Gott erfreut haben, aber sie wird auch Habakuk glücklich gemacht haben. Er hat seine Klage vor Gott gebracht und merkt: Gott denkt darüber genauso wie ich. Das wird ihm sicherlich den Mut zu seiner Reaktion in den Versen 12 bis 17 gegeben haben.
- Gott kennt seinen Propheten Habakuk. Er weiß, wie Er mit ihm reden kann; der fragende Prophet wird nicht lockerlassen. Aber es ist auch eine Prüfung für Habakuk. Wie wird er reagieren? Wird er aufbegehren? Wird er sich von Gott abwenden? Oder demütigt er sich unter die mächtige Hand Gottes (1. Pet 5,6)?
3.Kapitel 1,12-17 Habakuk: Ja, aber ...
Habakuks Reaktion können wir leicht in zwei Punkte aufteilen:
- Habakuks Ja (V. 12.13a)
- Habakuks Aber (V. 13b-17)
1.Habakuks Ja
Im ersten Teil haben wir das, was wir bei Gottes Antwort schon gesehen haben, nur dass Habakuk es jetzt aufgreift: „Gott, ich stimme dir zu.“ Der Satz in Vers 12 „Bist du nicht von alters her, Herr, mein Gott, mein Heiliger?“ klingt wie ein erleichtertes Aufatmen – ich denke wie Er! Und dann kommt er zu einem großartigen Ja: Gott ist zu rein von Augen, um Böses zu sehen, und deshalb hat Er die Chaldäer zum Gericht bestellt.
Wie hätte ich auf so eine Antwort Gottes reagiert? Wäre ich nicht sofort mit dem Einwand gekommen: „Gott, ich verstehe Dich nicht!“? Oder hätte ich mich vielleicht sogar trotzig abgewandt, weil Gottes Antwort nicht meinen Vorstellungen entspricht?
2.Habakuks Aber
Im zweiten Teil folgt Habakuks „Aber“. Doch für dieses „Aber“ ist das vorhergehende „Ja“ unerlässlich. Habakuk sagt gewissermaßen: „Ja, Gott, ich stimme Dir zu; aber Deine Art und Weise verstehe ich nicht.“ Es ist kein aufbegehrendes Aber, sondern eine weitere Frage, die Habakuk Not macht. Er stellt Gottes Handeln nicht infrage; er unterstellt Ihm keine Ungerechtigkeit. Aber er möchte auch in diesem Punkt mit seinem Gott im Einklang sein.
Ich habe auch oft Fragen, weil ich meinen Gott nicht verstehe. Aber sind es nicht oft trotzige Fragen? Oder Fragen purer Neugier? Wie schön ist dagegen die Haltung Habakuks: Fragen, um zu der Sichtweise Gottes zu kommen. Das sollte mehr meine Frage-Intention sein. Vielleicht bekäme ich dann auch öfter Antworten.
4.Kapitel 2,1 Einschub: Abwarten und Ausschau halten
Der erste Vers des zweiten Kapitels ist ein kleiner, aber inhaltsreicher Einschub. Er zeigt uns anschaulich die innere Haltung des Propheten während dieses Dialogs.
„Auf meine Warte will ich treten ...“
Eine Warte ist ein Wachtposten, also ein Ort, wo man alles wahrnimmt, was sich nähert. Diesen Ort sucht Habakuk nach seiner Nachfrage auf. Warum? Weil er sicher ist, dass Gott ihm antworten wird und weil er diese Antwort keinesfalls verpassen will.
Wie ist meine Haltung, wenn ich Gott meine Fragen und Klagen dargelegt habe? Versuche ich, meine Probleme (weiterhin) selbst in den Griff zu bekommen? Oder habe ich wie Habakuk diese (er)wartende Haltung? Übersehe ich nicht viele Antworten Gottes, weil ich sie nicht erwarte und nicht aufmerksam bin?
„... und auf den Turm mich stellen ...“
Ein Turm hebt uns über die Umstände und beschert uns Weitsicht; nichts verstellt uns dort den Blick.
Das habe auch ich nötig. Wenn ich Gottes Reden erwarte, dann muss ich mich vom Irdischen, das mich hindern will, lösen. Alles muss aus dem Weg geräumt werden, um den Blick frei zu haben zu meinem Gott.
„... und will spähen ...“
Hier sehen wir deutlich die gespannte Aufmerksamkeit von Habakuk. Man hat den Eindruck, als stehe er auf seinem Turm und erwarte eine Begegnung mit Gott selbst und als wolle er den Turm nicht verlassen, bis er diese Begegnung erlebt hat.
Ausschau zu halten nach Gott und eine Begegnung mit Ihm zu suchen, ist auch für uns unerlässlich, besonders dann, wenn wir quälende Fragen haben.
„... um zu sehen, was er mit mir reden wird ...“
Dieser Satz klingt merkwürdig und passt doch perfekt zu der Begegnungserwartung. Habakuk hätte doch sagen müssen: „... um zu hören, was er mit mir reden wird.“ Aber nein, Habakuk erwartet, etwas zu sehen. Natürlich hört er ab Vers 2 die Worte Gottes, aber es ist offensichtlich, dass er sie in der Gegenwart Gottes vernimmt.
Fragen und Warten auf Antwort führen uns letztlich in die Gemeinschaft mit Gott. Dieses Habakuk-Erlebnis will Gott auch uns schenken.
„... und was ich erwidern soll auf meine Klage.“
Habakuk ist sicher: Der Dialog mit seinem Gott ist mit Gottes Antwort nicht zu Ende. Es geht ihm nicht darum, das letzte Wort zu behalten. Aber er weiß, dass Gott seinen Einwand1 auflösen oder erklären wird.
Ist dieses Vertrauensverhältnis von Habakuk zu seinem Gott nicht beeindruckend? Sein Auftreten wirkt manchmal forsch, aber diese Forschheit speist sich aus diesem Vertrauensverhältnis.
Kenne ich meinen Gott so gut wie Habakuk? Führt mich das zu dieser Kühnheit im Glauben, ohne es an der nötigen Gottesfurcht mangeln zu lassen? Habakuk macht es mir vor.
5.Kapitel 2,2-19 Gott: Warte und vertraue!
Habakuk erhält von Gott eine lange Antwort. Zusammengefasst verkündet Er das Gericht über die Chaldäer in fünf Wehen. Damit bestätigt Er Habakuks Sichtweise, dass die Chaldäer es noch schlimmer treiben als Israel, und erklärt ihm, dass Er sie richten wird.
Aber Gott streut auch Ermunterungen für seinen fragenden Knecht ein. Gerade die Einleitung in den Versen 2 und 3 dürfte Habakuk aufgerichtet haben. Gott erklärt, dass seine Worte bis zur Zeit des Endes hin reichen, dass also sein Plan viel weiter geht als Habakuks kurzfristiges Denken. Habakuk sieht nur seine aktuelle Situation, die ihm große Not bereitet. Gott teilt ihm mit, dass seine Pläne weit darüber hinausgehen: Sie reichen bis in die Zeit des Endes, die sogar jetzt noch zukünftig ist. Das sollten auch wir uns immer vor Augen halten, wenn wir Gottes Handeln nicht verstehen: Gott denkt viel weiter als wir. Er kennt die komplette Zukunft bis in die Ewigkeit hinein, ja, Er gestaltet sie sogar. Und wenn es uns manchmal zu lange dauert, wollen wir uns Gottes Botschaft an Habakuk zu Herzen nehmen: harren und vertrauen.
„Harren“ ist ein Wort, das ein bisschen aus der Mode geraten ist. Es ist ein aktives Warten, ein Warten mit Aussicht. So steht es in Vers 3: „... so harre sein; denn kommen wird es, es wird nicht ausbleiben.“ Also kein stumpfes, sondern ein zielgerichtetes Warten. Das ist übrigens genau das, was uns Habakuk auf seiner Warte (V. 1) vorgemacht hat.
Gott bestätigt aber auch nochmal die Zuverlässigkeit seiner Worte. Selbst wenn es lange dauern mag – Er wird sein Wort einlösen. Darauf dürfen auch wir uns verlassen. Was Gott sagt, „wird nicht ausbleiben“. Auch wir haben Zusagen Gottes – und sie sind allesamt alt. Aber das mindert nicht ihre Glaubwürdigkeit. Gott löst alle seine Zusagen ein – auch nach Tausenden von Jahren.
In dieser Antwort Gottes steht der vermutlich bekannteste Vers aus dem Propheten Habakuk, der im Neuen Testament dreimal zitiert wird: „Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben“ (V. 4). Mit diesem Satz bestätigt und erweitert Gott eine Aussage von Habakuk aus Kapitel 1,12: „Wir werden nicht sterben.“
Habakuk hat eine Reaktion auf die Antwort Gottes angekündigt (V. 1). Wie wird sie ausfallen? Gott kündigt ja keine Änderung der Umstände an, über die Habakuk in Kapitel 1,1-4 geklagt hat. Wird er mit dieser Antwort zufrieden sein?
6.Kapitel 3 Habakuk: Ich aber ...
Kapitel 3 kommt überraschend. Habakuk erhält die Botschaft, dass die Umstände sich bis auf Weiteres nicht zum Guten wenden, sondern schlimmer werden. Und was tut er auf diese Nachricht hin? Er schreibt ein Gebet in Gedichtform. Wie kann das sein? Hätten wir nicht erwartet, dass er weiter klagt und fragt?
Nachdem Habakuk Gott eindrücklich in seiner richterlichen Majestät beschreibt, erfahren wir in den Versen 18 und 19 etwas von dem, was in Habakuks Herz vorgeht. Der Dialog des fragenden Propheten mit seinem Gott ist nicht ohne Wirkung geblieben; zwar scheinbar ohne Wirkung auf die Umstände, aber mit großer Wirkung auf sein Herz.
In Vers 18 steht ein gewaltiges „Ich aber“. Trotz nach wie vor schlimmer Umstände und einer – oberflächlich betrachtet – wenig ermunternden Antwort Gottes zeigt Habakuk, woran er sich klammert: an seinen Gott. Und das zeigt sich überraschenderweise in Frohlocken und Lob. Wie ist das möglich?
Habakuks Blickrichtung hat sich geändert. In Kapitel 1 sah er nur seine böse Umgebung und die noch böseren Chaldäer. In Kapitel 2,1 haben wir schon gesehen, wie intensiv er nach einer Antwort Gottes, ja, nach Gott selbst Ausschau hielt. In Kapitel 3 geht er noch einen Schritt weiter: Er beschäftigt sich mit Gott und seinen Taten. Diese Blickrichtung hat nicht die Umstände, sondern vielmehr Habakuks Herz verändert. Deshalb das jubelnde „Ich aber“.
Er will frohlocken in dem Herrn, obwohl ein Wunder ausgeblieben ist. Wir erwarten oft große Wundertaten Gottes. Und das dürfen wir auch, denn Gott ist der Gott, der nicht nur Wunder tun kann, sondern der Wunder tut (Ps 77,15). Aber muss ein Wunder immer bedeuten, dass Gott die Schwierigkeiten beseitigt? Das kann Er tun und manchmal tut Er es auch. Bei Habakuk hat Er es nicht getan. Und doch hat Er etwas Großes getan: Er hat Habakuks Herz so verändert, dass er trotz unvermindert schwieriger Umstände frohlocken und jubeln kann. Und ich frage mich, ob die Veränderung meines Herzens nicht ein größeres Wunder ist als die Veränderung der Umstände.
In Vers 19 zeigt Habakuk seine Kraftquelle: Gott selbst. Ohne diese Kraftquelle wäre kein Jubel möglich. Dabei zeigt uns Habakuk zwei Auswirkungen der Herzensveränderung:
- „Er macht meine Füße denen der Hirschkühe gleich.“ Man hat unwillkürlich das Bild einer grazil springenden Hirschkuh vor Augen. Was ihr an Schwierigkeiten im Weg liegt, wird mit anmutiger Eleganz übersprungen. Dazu hat Gott Habakuk die Kraft gegeben: über die Umstände hinwegzuspringen.
- „Er lässt mich einherschreiten auf meinen Höhen.“ Aus den eleganten Sprüngen ist ein ruhiges, sicheres Schreiten geworden. Da gibt es keine „Zwischenlandung“ mehr wie bei der Hirschkuh, sondern er bleibt konstant auf der Höhe des Glaubens.
Gott will auch uns auf Glaubenshöhen führen, wo wir an seiner Hand sicher voranschreiten, wie auch immer die Umstände sein mögen. Vielleicht ändert Er sie früher oder später, vielleicht auch nicht. Aber wenn wir den Dialog mit Gott suchen und bereit sind, uns von Ihm verändern zu lassen, dann dürfen wir dieses Wunder erleben: Gott verändert unser Herz.
7.Ausklang: Habakuk: Lass dich anstecken!
Der Prophet Habakuk endet mit den Worten: „Dem Vorsänger. Mit meinem Saitenspiel.“
Habakuk hat seinen Psalm also geschrieben, damit dieser gesungen wird – zum Zeugnis für andere. Auch andere sollen von seiner Erfahrung profitieren und dann in seinen Lobgesang einstimmen. Wie gut, dass Habakuk das alles aufgeschrieben hat!
Diese Veränderung – nicht (nur) der Umstände, sondern vor allem (auch) des Herzens – will Gott bei dir und mir bewirken. Der Prophet Habakuk ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wir aus der (Glaubens-)Krise zum Lobpreis kommen können.
[1] siehe die Fußnote in der ELB-CSV zum Wort „Klage“
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