Wie alles begann

Das Evangelium kommt nach Europa

Dem Apostel Paulus war „das Evangelium für die Nichtbeschneidung anvertraut“ (Gal 2,7). Das bedeutete, dass er den Menschen, die keine Israeliten waren, das Evangelium predigen sollte. Und die Menschen, die damals in Europa lebten, waren vorwiegend Menschen „aus den Nationen“ und nicht aus dem Volk Israel. Deshalb war es notwendig, dass der Apostel Paulus nach Europa reiste und dort das Evangelium vom Herrn Jesus predigte.

In Apostelgeschichte 16 wird davon berichtet, wie Paulus und seine Begleiter dafür zum ersten Mal europäischen Boden betraten. Interessant ist, dass das überhaupt nicht ihre Absicht war. Eigentlich wollten sie in Asien (einer römischen Provinz) das Evangelium verbreiten. Aber Gott hatte einen anderen Plan. Deshalb wurden sie durch den Heiligen Geist daran gehindert, ihren Plan durchzuführen. Wie das im Einzelnen geschah, wird uns nicht berichtet.

Auch ein weiteres Vorhaben, nämlich das Wort Gottes in Bithynien zu predigen, wurde ihnen vom Geist Jesu nicht erlaubt.

Doch dann geschah etwas Außergewöhnliches: Paulus hatte in der Nacht eine Vision. Er sah einen Mann aus Europa (Mazedonien), der ihn bat „herüber (über das Mittelmeer) zu kommen“ (V. 9). Diese Vision teilte Paulus seinen Mitreisenden mit, und gemeinsam sahen sie darin die Wegweisung des Herrn Jesus.

 

Exkurs: Dass sich sogar der Apostel Paulus nicht immer sicher war über seine konkrete Aufgabe und die nächsten Schritte, kann für uns ein Trost sein. Selbst dann, wenn wir einen guten Plan haben, muss er nicht immer aufgehen. Manchmal will der Herr Jesus etwas anderes von uns. Wenn wir bereit sind, den Willen des Herrn zu tun, wird Er uns auch Klarheit geben. 

 

Also suchten sie sich ein passendes Schiff und fuhren los. Über die Insel Samothraze kamen sie nach Neapolis, wo sie an Land gingen. Von dort ging es weiter nach Philippi. Sie blieben einige Tage in dieser Stadt, offenbar ohne sofort zu evangelisieren. Möglicherweise nutzten sie die Zeit, sich zunächst umzusehen, sich zu orientieren und einen Eindruck von der Stadt und den dort lebenden Menschen zu gewinnen.

Dabei werden sie auch erkannt haben, wo sich Menschen aufhielten, die für das Evangelium empfänglich waren. Am Sabbat suchten sie einen dieser Orte auf und trafen dort Frauen an, mit denen sie sprechen konnten. Eventuell waren es sogenannte Proselyten (Menschen, die nicht aus dem Volk Israel waren, aber den jüdischen Glauben angenommen hatten). Aus der weiteren Geschichte des Apostels Paulus wissen wir, dass er immer zuerst an Orte ging, wo Juden waren, z.B. in die Synagogen. Durch die Verfolgungen in Israel waren viele Juden geflohen, auch nach Europa.

Eine dieser Frauen, die sie antrafen, war die Purpurhändlerin Lydia. Sie bekehrte sich durch die Predigt von Paulus, aber letztlich war es der Herr, der ihr Herz auftat (V. 14). Nachdem sie getauft worden war, lud sie Paulus und seine Begleiter zu sich nach Hause ein. Damit war sie die erste Christin in Europa. 

Aber wo das Evangelium gepredigt wird, regt sich auch der Widerstand des Teufels. Eine Frau mit einem Wahrsagegeist schrie viele Tage hinter den Männern her.

Was sie sagte, entsprach zwar der Wahrheit, entsprang aber einer teuflischen Quelle: „Diese Menschen sind Knechte Gottes des Höchsten, die euch den Weg des Heils verkündigen“ (V. 17). Sie spricht nicht von dem Erlöser und Herrn Jesus, sondern von den Knechten. Auch weist sie nicht auf „den“ Weg des Heils hin, sondern auf einen Heilsweg ...

Paulus erkannte diesen satanischen Geist und ging daher nicht auf den Inhalt ihrer Worte ein, sondern befreite sie „im Namen Jesu Christi“ (V. 18) von diesem Geist.

Damit war das „Problem“ aber nicht erledigt. Da sie ihren Sklavenhaltern viel Geld eingebracht hatte, schwand jetzt deren Hoffnung auf Gewinn.

Das führte zu einer ganz üblen Behandlung von Paulus und Silas. Sie wurden zu den Vorstehern und dann zu den römischen Hauptleuten geführt, die sie misshandelten und ins Gefängnis warfen. 

Warum das? Hatten sie sich etwa getäuscht und doch nicht den richtigen Weg eingeschlagen? Fragen über Fragen …

Es mochte ein paar Stunden gedauert haben, um die Geschehnisse zu verarbeiten, doch um Mitternacht hörte man Paulus und Silas beten und lobsingen. Sogar im Gefängnis konnten sie ihren Missionsauftrag ausführen. Und Gott half auf spektakuläre Weise mit: Ein Erdbeben löste bei allen Gefangenen die Fesseln und öffnete die Türen. Doch das erwartete Chaos blieb aus. Keiner der Gefangenen lief weg. Der Gefängniswärter geriet in Panik und wollte sich umbringen, aber Gott verhinderte das durch Paulus.

Der anschließende Aufenthalt der beiden im Haus dieses Mannes führte zur Bekehrung der ganzen Familie.

Am nächsten Tag wurde Paulus und Silas mitgeteilt, dass sie aus der Haft entlassen würden.  Doch bevor die Reise weiterging, trafen sich Paulus und seine Begleiter noch bei Lydia mit den Brüdern. Neben den beiden berichteten Bekehrungen von Lydia und der Familie des Gefängniswärters hatten sich also noch weitere Personen bekehrt. Diese bildeten jetzt die Versammlung in Philippi. Für die Gläubigen dort hatte Paulus noch Worte der Ermunterung und Ermahnung, bevor er weiterzog.

Allerdings reisten nicht alle mit Paulus ab. Aus der Beschreibung in V. 40: „… ermahnten sie sie und zogen weg“, können wir entnehmen, dass zumindest Lukas in Philippi blieb (er schreibt hier nicht mehr „wir“ (vgl. V. 17), sondern „sie).

Paulus zog weiter, aber seine Liebe zu den Geschwistern blieb bestehen. Und die Versammlung in Philippi wuchs und entwickelte sich positiv. Beides erkennen wir aus dem Brief, den Paulus etwa zehn Jahre später an die Versammlung in Philippi schrieb. In Kapitel 4,1 nennt er sie „meine geliebten Brüder“, und der ganze Brief ist von Freude geprägt – nicht zuletzt die Freude, die Paulus empfand, wenn er an die Geschwister in Philippi dachte.

Was für ein Segen, dass es vor etwa 2000 Jahren Missionare gab, die nach Europa kamen. Sie brachten uns das Evangelium von Jesus, dem Retter und Herrn. Und heute braucht es wieder Missionare in Europa, da man Jesus Christus kaum noch kennt. Dazu ist für dich und mich kein Gesicht in der Nacht - wie bei Paulus - nötig, sondern einfach eine Erinnerung daran, dass auch Menschen in unserer Umgebung das Evangelium dringend nötig haben – genau wie damals.