Personen der Bibel

Abrahams Glaubensgehorsam

1. Mose 22 ist für einen gläubigen Christen ein ergreifendes Kapitel – für einen ungläubigen Leser erscheint es dagegen befremdlich. Denn wenn man Abrahams Glauben außer Acht lässt, ist sein Verhalten die Tat eines Wahnsinnigen, ein versuchter Mord. Aber wenn man Abrahams Glauben berücksichtigt, wird sein Verhalten erstaunlich, beeindruckend. Und dass er wirklich im Glauben handelte, bezeugt die Bibel unmissverständlich (Heb 11,17).

Abraham hatte - vielleicht in der Nacht - einen unbegreiflichen Auftrag von Gott erhalten: Er sollte seinen Sohn Isaak als Brandopfer opfern! Jetzt, am Morgen, gab es eine Menge Möglichkeiten, auf diese gewaltige Forderung zu reagieren.

 

Was Abraham nicht tat

Abraham hätte Gottes Stimme schlichtweg ignorieren können. Einfach so weitermachen wie bisher, als wäre nichts geschehen.

Abraham hätte Gottes Forderung mit einem frommen Argument von sich weisen können: „Es kann nicht Gottes Wille sein, ein Kind zu opfern.“ Tatsächlich gab es zu damaliger Zeit unter den kanaanitischen Völkern furchtbare religiöse Menschenopfer. Und Abraham wusste, dass sein Gott – der wahre Gott – so etwas verabscheute (vgl. 5. Mo 12,31; Ps 106,35-38).

Abraham hätte auch ein logisches Argument ins Feld führen können: „Gott hat verheißen, dass ich durch Isaak Nachkommen bekommen werde. Deshalb kann es nicht sein, dass Isaak sterben soll. Gott widerspricht sich doch nicht.“

Abraham hätte zumindest eine Rückfrage stellen können: „Herr, wie stellst du dir das vor? Meinst du das wirklich wörtlich? Ich habe doch jahrzehntelang darauf gewartet, einen Sohn zu bekommen – und jetzt soll ich ihn opfern?“ Als Ananias aus Damaskus den göttlichen Auftrag bekam, Saulus zu besuchen, fragte er sicherheitshalber noch einmal nach, schließlich war Saulus ein Christenverfolger (Apg 9,13). Aber Abraham fragte nicht.

Abraham holte sich auch keinen Rat bei Menschen ein (vgl. Gal 1,15.16). Ob er sich nicht einmal mit Sara besprochen hat?

Entdeckst du dich irgendwo wieder? Wie häufig ignorieren wir Gottes Stimme, ducken uns einfach weg? Und leider sind wir auch ziemlich gut darin, Gottes Willen wegzudiskutieren, wenn er uns nicht passt. Da machen wir auch nicht vor frommen Scheinargumenten halt, sondern versuchen womöglich sogar, einen klaren Auftrag Gottes mit scheinbar entgegenstehenden Bibelstellen auszuhebeln.

Anders gelagert sind die beiden letzten der oben genannten möglichen Reaktionen. Gott machte Ananias keinen Vorwurf für dessen Rückfrage, im Gegenteil: Gnädig erklärte Er ihm die Situation und beschwichtigte die Sorgen seines Dieners. Und wenn uns Gottes Willen nicht vollends klar ist, dürfen wir uns durchaus mit geistlichen Menschen beraten – auch hierfür gibt es biblische Hinweise (Apg 16,10; vgl. Spr 11,24; 24,6).

 

Was Abraham stattdessen tat

Lass uns jetzt schauen, wie Abraham wirklich reagierte. Er stand frühmorgens auf – Abraham wusste, dass die Aufgabe nicht leichter werden würde, wenn er warten würde. Den Ort der Opferung hatte Gott bestimmt (V. 2), den Zeitpunkt nicht. Den legte Abraham selbst fest: Sofort. „Ich eile und säume nicht, deine Gebote zu halten“ (Ps 119,60).

Ohne Worte, dafür mit einer bemerkenswerten Zielstrebigkeit kam er dem Auftrag Gottes nach. Obwohl er viele Diener besaß, ließ der alte Mann es sich nicht nehmen, selbst das Holz zu spalten und den Esel zu satteln. Was für eine Glaubensenergie! Dann machte er sich mit seinem Sohn und zwei Dienern auf die lange Reise. Hatte dieser Mann gar keine Gefühle?! Doch, mit Sicherheit. Denke einmal daran, dass es „sehr übel in Abrahams Augen“ war, Ismael wegzusenden (1. Mo 21,11). Wie viel mehr wird es jetzt Abraham geschmerzt haben, seinen geliebten Sohn zu opfern. Schweren Herzens, aber mit unerschütterlichem Gottvertrauen, gehorchte er dem Auftrag Gottes. Was für ein Glaubensgehorsam!

Drei Tage waren sie unterwegs, sicherlich in ernster Stimmung. Während der Reise hatte Abraham viel Zeit nachzudenken – und viel Zeit, umzukehren. Dass er es nicht tat, zeigt, dass Abrahams Gehorsam kein impulsiver Akt gewesen war. Nein, es war eine bewusste Entscheidung für Gott gewesen, es war freiwilliger Gehorsam gegenüber der Stimme Gottes (vgl. V. 18) – und es war gut überlegt gewesen. Hebräer 11 lüftet ein wenig den Schleier zu Abrahams Gedankenwelt:

 

„Durch Glauben hat Abraham, als er geprüft wurde, Isaak geopfert, und der, der die Verheißungen empfangen hatte, brachte den Eingeborenen dar, über den gesagt worden war: „In Isaak wird dir eine Nachkommenschaft genannt werden“; wobei er urteilte, dass Gott auch aus den Toten aufzuerwecken vermag.“

Heb 11,17-19

 

Als Abraham auf der Reise vermutlich in seinen Gedanken die Angelegenheit hin und her wälzte, kam er zu dem erstaunlichen Schluss, dass Gott Isaak auferwecken würde. Er kam zu diesem Schluss, weil er seinen Gott kannte: Er wusste, dass Gott treu und allmächtig war. Weil Gott treu war, würde Er seine Verheißung erfüllen und ihm durch Isaak eine große Nachkommenschaft schenken. Die einzige Möglichkeit, diese Verheißung mit dem Auftrag, Isaak zu opfern, in Einklang zu bringen, war, dass Gott Isaak wieder auferwecken würde. Und weil Gott allmächtig ist, so schlussfolgerte Abraham, würde Er genau das tun!

Abrahams Handeln war also kein stilles Resignieren, kein Sich-seinem-Schicksal-Ergeben. Nein, Abraham stellte gute Überlegungen an. Dabei war sein Glaube an Gottes Auferstehungsmacht auch deshalb so außergewöhnlich, weil es bis zu diesem Zeitpunkt keine Auferweckungen gegeben hatte.1 Abrahams Glaube konnte sich also nicht auf Erfahrungen stützen, sondern allein auf Gott selbst und sein Wort. Und doch hatte Abraham schon einmal erfahren, dass Gott Leben aus dem Tod hervorbringen kann: Bei der Geburt Isaaks hatte Gott aus Abrahams „erstorbenen Leib“ und aus Saras „abgestorbenen Mutterleib“ neues Leben geschenkt (vgl. Röm 4,16-25). Gottes Auferstehungsmacht steht übrigens auch dir heute noch zur Verfügung (Eph 1,19.20; Phil 3,10)!

 

Belohnung des Glaubens

Abrahams bemerkenswerter Glaube wurde am Ende reich belohnt. Während er noch am Altar stand und den Widder als Ersatz für Isaak opferte, bekam Abraham eine neue, sehr weitreichende Verheißung durch den Engel des Herrn (1. Mo 22,15-18). Du siehst also: Glaubensgehorsam wird belohnt! „In deinem Nachkommen werden sich segnen alle Nationen der Erde: weil du meiner Stimme gehorcht hast“ (V. 18).

 



[1] Die erste Totenauferweckung, die in der Bibel berichtet wird, finden wir in 1. Könige 17,17-24 – erst viele Jahrhunderte nach Abraham. Dort erweckte Gott durch den Propheten Elia den Sohn einer Witwe in Zarpat zum Leben.