Lebensbeschreibung

Martin Luther – Die Reformation – Licht und Schatten (Teil 11)

 

Die Bedeutung Luthers für die Reformation in Deutschland ist unübersehbar. Doch es geht nicht darum, seine Person zu „verherrlichen“. Martin Luther war ein fehlbarer Gläubiger, in dessen Leben es auch nicht zu übersehende Fehler und Sünden gab. Vor allem war er in vieler Hinsicht ein Kind seiner Zeit. In manchen Auseinandersetzungen mit Luther in diesem Jahr werden die kritischen Punkte so sehr in den Vordergrund gerückt, dass die Bedeutung Luthers für den Glauben in den Hintergrund tritt. Diese Bedeutung haben wir in der Artikelserie mehrfach herausgestellt. Aber wir wollen auch die Schattenseiten nicht übersehen.

Wenn auch unter Historikern die Reformation gelegentlich als Beginn der Neuzeit bezeichnet wird und mit Luther und der Reformation in vieler Hinsicht „eine neue Zeit“ begann, so war Luther doch auch stark von seiner Zeit und dem spätmittelalterlichen Denken geprägt. Gewisse Charaktereigenschaften Luthers, die uns eher negativ auffallen, sind seine Streitlust und seine verbalen Diffamierungen Andersdenkender. Da er im Rampenlicht stand, fällt uns dies bei ihm besonders auf. Dabei wird leicht übersehen, dass eine derartige Redeweise in seiner Zeit nicht unüblich war. Damit sollen Fehler nicht entschuldigt werden, aber es hilft uns, sein Vorgehen besser zu verstehen. Und es macht uns vielleicht auch sensibel für die Frage, inwieweit unbiblische Verhaltens- und Denkweisen unserer Zeit auch unser Betragen, Denken und Reden bestimmen.

Luther und seine Auseinandersetzungen

Der streitbare Charakter Luthers war in den theologischen Auseinandersetzungen auch von Vorteil, denn er führte zu inhaltlichen Klärungen. Dies gilt besonders für die frühen Wittenberger Disputationen der Jahre 1515-1518. Aber seinen Gegenspielern begegnete Luther dabei oft mit derben sprachlichen Mitteln. Die Position zur Papstkirche war seit 1520 geklärt. In seiner reformatorischen Programmschrift An den christlichen Adel deutscher Nation (1520) bezeichnete er den Papst als den Antichrist. An diesem Urteil hielt er zeitlebens fest.

Aber auch gegenüber Andersdenkenden aus den eigenen Reihen war Luther nicht wenig zimperlich. Leider muss man hier auch feststellen, dass die „abweichenden Meinungen“ nicht selten näher an der Bibel lagen als Luthers eigene Ansichten. Diejenigen, die verneinten, dass Leib und Blut Christi real in den Elementen des Abendmahls vorhanden seien (das waren z.B. Karlstadt, Müntzer, Zwingli, Oekolampad, Bucer, Capito), bezeichnete Luther als „Schwärmer“ und bekämpfte sie in seinen Schriften[1]. Ähnliches galt für die sogenannten „Täufer“, die etwa Mitte der 1520er Jahre auftraten und die Säuglingstaufe ablehnten.

Luther und die Juden

In seiner Haltung den Juden gegenüber hat Luther einen dramatischen Wandel vollzogen. Der „Luther“ der reformatorischen Frühzeit äußert sich ausgesprochen positiv über die Juden. In den frühen 1520er Jahren wollte Luther „freuntlich“ mit den Juden verfahren und sie „seuberlich“ aus der Bibel unterweisen. Dazu verfasste er die Schrift Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei (1523). Hierin legt er Texte aus dem Alten Testament aus, die sich auf Jesus als Messias beziehen. In dieser Zeit distanziert Luther sich von den üblichen Verleumdungen (Hostienschändung, Brunnenvergiftung, Ritualmord[2]). Auch sprach sich Luther gegen die damals üblichen Berufs- und Zunftverbote aus. Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Judenpolitik war diese Haltung Luthers beispiellos.

Spätestens mit seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) kehrte Luther dieser Haltung der Frühzeit den Rücken. Er revidierte seine bisherige Auffassung und trat für eine Vertreibung der Juden ein, wie sie auch in anderen Ländern durchgeführt wurde. Wie kann man sich diesen Wandel in Luthers Einstellungen erklären? Eine Einstellung hat Luther nie geändert: dass auch der Jude sich bekehren muss. Die später in der evangelischen Kirche aufgekommene Ansicht des Verzichts auf Judenmission hätte Luther nicht geteilt. Auch für die Juden ist das Evangelium der Gnade der einzige Weg zum Heil. Dazu kam seine lebhafte Naherwartung des „Jüngsten Tages“. Er bezeichnete das Evangelium als einen Platzregen, der am Ende der Zeiten niedergegangen sei und der auch den Juden eine letztmalige Chance biete, zu Christus zu finden. Dass so wenig Juden sich bekehrten, schrieb er der katholischen Kirche zu: „Unsere Narren, die Päpste, Bischöfe, scholastischen Theologen und Mönche, die groben Eselsköpfe, sind bisher so mit den Juden verfahren, dass, wer ein guter Christ gewesen ist, wohl ein Jude hätte werden mögen. … Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen, haben nichts mehr kundgetan denn sie schelten und ihr Gut nehmen.“

Luthers Hoffnung, dass zum protestantischen Christentum erheblich mehr Juden konvertieren würden als zum katholischen, sollte sich nicht erfüllen. Also musste der Reformator für den ausbleibenden Missionserfolg eine andere Erklärung suchen. Die einzige, die er fand, war die folgende Annahme: Gott strafe die Juden, indem er sie nicht erkennen lasse, dass Jesus Christus der Messias sei. Damit übernahm Luther die judenfeindliche Haltung vieler seiner Zeitgenossen. Auch von solchen, von denen man es nicht erwarten würde. Denn der Satz: „Das Judentum ist eine Pest, wie sie feindseliger und gehässiger gegenüber der Lehre Christi nicht zu finden ist“, stammt nicht von Luther, sondern von dem führenden Humanisten jener Zeit – Erasmus von Rotterdam.

Die Reformation war eine Zeit des Kampfes um die Wahrheit und Martin Luther war ein Streiter für die Wahrheit. Es wird immer wieder Zeiten geben, wo es gilt, für die Wahrheit der Schrift zu kämpfen. Da gibt uns auch diese Seite in Luthers Leben Anschauungsunterricht im Hinblick auf besondere Gefahren in jener Zeit. Zwei möchte ich erwähnen:

  • Auch in Auseinandersetzungen um die Wahrheit wollen wir das Wort beachten: „ der in Sanftmut die Widersacher zurechtweist.“ Lasst uns sachlich und brüderlich bleiben. Emotionale Streitgespräche bewirken wenig und zerstören oftmals viel.
  • Bleib selbstkritisch, ob Denk- und Verhaltensmuster deiner Zeitgenossen, die du übernimmst, wirklich biblisch vertretbar sind.

 


[1] Wie gesagt stand Luther mit einer solchen Sprache nicht allein. Im Abendmahlsstreit bezeichnete Zwingli Luther wegen seiner Auffassung als „Christusfresser“.
[2] Letzterer unterstellte den Juden die Tötung christlicher Kinder zu kultischen Zwecken und hat mit dem Vorwurf der Brunnenvergiftung zu zahlreichen Progromen geführt.